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The Real American – Joe McCarthy

Der wirkliche Amerikaner – Joe McCarthy. D/F/GB 2011. R,B: Lutz Hachmeister. B: Simone Höller. K: Christopher Popp, Hajo Schomerus. S: Mechthild Barth. M: Jewgeni Birkhoff. P: EIKON Media, HMR Produktion, NEF Productions SAS, New Legacy Film Ltd.
98 Min. RealFiction ab 12.1.12

Populismus bringt auch nichts ein

Von Jesko Jockenhövel Die latenten Spannungen zwischen den Kriegsalliierten USA und der Sowjetunion brachen schon kurz nach Ende des 2. Weltkrieges voll aus. Durch den gemeinsamen Feind in Form Nazi-Deutschlands kurzzeitig zusammengebracht, begann innerhalb weniger Monate die Blockbildung zwischen Ost und West, die die internationalen Beziehungen noch bis heute prägen. Spätestens mit Gründung der beiden deutschen Staaten waren die geopolitischen Verhältnisse auf lange Zeit abgesteckt. Auf amerikanischer Seite zementierte sich schnell ein kommunistisches Feindbild, das durch die gemeinsamen Kriegsbemühungen nur überdeckt worden war. Schnell stellte sich heraus, daß aus den damit verbundenen Ängsten politisches Kapital geschlagen und diese Ängste sogar geschürt werden konnten. Bis heute ist damit untrennbar der Name Joe McCarthy verbunden, über den der Journalist Lutz Hachmeister, ehemaliger Leiter des Grimme-Instituts, ein neues Docudrama vorgelegt hat.

Hachmeister verläßt sich damit also nicht nur auf dokumentarisches Material und Interviews von Zeitzeugen und Weggefährten, sondern inszeniert einzelne Episoden wie es bei vielen Fernsehproduktionen üblich ist, nach. Das funktioniert im Großen und Ganzen reibungslos, aber ein distanzierendes Gefühl bleibt doch vorhanden. Stärker überzeugen die dokumentarischen Bilder. McCarthys Aufstieg, 1948 wurde er in den amerikanischen Senat gewählt, begann als er 1950 behauptete, eine Liste zu besitzen, auf der 250 Namen von Mitarbeitern des US-Außenministeriums vermerkt sind, die Mitglieder der kommunistischen Partei seien. Das war eine glatte Lüge eines aufstrebenden Politikers. McCarthy suchte ein Thema, mit dem man bei den Wählern und insbesondere bei den Medien punkten konnte. In der Herstellung dieser Verbindung von Politik und Medien und deren eindringlicher Schilderung liegt die große Stärke von Hachmeisters Dokumentation. Dieser Zusammenhang erscheint zeitlos. Was McCarthys heute ramponiertes Image überdeckt, ist, daß er als Außenseiter nach Washington kam und sich schnell bei den Hauptstadtjournalisten durch gezielte Indiskretionen beliebt machte, diese zum Essen und Interviews zu sich nach Hause einlud. Heute würde man das ganze Home-Story nennen.

Mit dem Antikommunismus fand er dann das Thema, mit dem er Aufmerksamkeit erregen konnte. Dabei war er vermutlich gar kein Antikommunist, zumindest kein Kommunistenhasser. Der Psychologe Leo Kamin, der von McCarthy als Mitglied der kommunistischen Partei diffamiert wurde und daraufhin aus den USA auswandern mußte, um seine akademische Karriere fortsetzen zu können, stellt in The Real American fest, daß McCarthy wahrscheinlich gar nichts gegen Kommunisten gehabt habe. Die Medien springen jedoch auf McCarthys Behauptungen an, meist ohne eigene Recherchen vorzunehmen. Doch eine allzu enge Beziehung zwischen Politik und Medienvertretern hat noch den wenigsten Politikern gut getan, auch das zeigt Hachmeisters Film auf und wird von Henry Kissinger prägnant zusammengefaßt: »Man könnte sagen, das ist das Schicksal des Populisten. Sie leben vom Populismus und sie sterben am Populismus.« Die derzeitigen Skandale um Guttenberg und Bundespräsident Wulff, die auch aus einer engen Verbindung von Medien und Politik hervorgegangen sind, zeigen dies nur zu deutlich. Gleichzeitig geben auch der gerade startende US-amerikanische Wahlkampf und die fortwährenden Angriffe auf Präsident Obama als vermeintlicher Sozialist zu verstehen, daß McCarthys Erbe durchaus noch aktuell ist.

Dessen Sturz zeichnete sich schon in seinem Aufstieg ab. Auch darauf weist diese Dokumentation hin. In Ermangelung von Beweisen bezichtigt McCarthy immer mehr Landsleute und auch Regierungsmitglieder der Kommunismusnähe. Keiner konnte vor ihm sicher sein. Als McCarthy allerdings auch das US-Militär und die CIA verdächtigte, schwand sein Rückhalt, so die These von Hachmeisters Recherchen. Demnach wurde McCarthys Sturz aktiv durch das Weiße Haus betrieben und war nicht nur Folge journalistischer Enthüllungen wie es George Clooneys Regiearbeit Good Night, and Good Luck nahelegt. The Real American wird so zu einer spannenden Geschichtsstunde, die jedoch formal kaum von einer üblichen TV-Produktion abweicht. Damit stellt sich allerdings die Frage, ob der von ARTE/ZDF produzierte Film aufgrund der zahlreichen Filmstarts, die der Kinomarkt zu verkraften hat, im Fernsehen nicht besser aufgehoben wäre. 2012-01-08 16:35
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