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Huhn mit Pflaumen

Poulet aux prunes. F/D/B 2011. R,B: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud. K: Christophe Beaucarne. S: Stéphane Roche. M: Olivier Bernet. P: Celluloid Dreams Productions, TheManipulators. D: Mathieu Amalric, Edouard Baer, Maria de Medeiros, Golshifteh Farahani u.a.
90 Min. Prokino 5.1.12

Einmal ist keinmal

Von Edda Bauer »Es war einmal, es war keinmal« heißt es traditionell zu Beginn jedes persischen Märchens. Es sind auch die ersten Worte in Marjane Satrapis und Vincent Paronnauds neuem Film. Vielleicht sieht deswegen das Teheran des Jahres 1958 aus wie die Gassen in »Les Miserables«, nur eben mit arabischen Schriftzeichen? So eigenartig vertraut und fremd zugleich kommt einem die Szenerie vor, daß man schon nach anderthalb Minuten Huhn mit Pflaumen die Pausetaste drücken möchte, um sich dieses Bild mal genauer anzuschauen. In Leinwandgröße, versteht sich.

Den Drang nach einem Standbild wird man noch etliche Male haben. Etwa bei der nächtlichen Busfahrt durch die Berge, die ihren Ursprung in Satrapis gleichnamigen Comic nicht verhehlt. Oder auf dem Bazar, der aussieht, als ob Zille seine Milieustudien kurzfristig in den Orient verlegt hätte. Oder wenn Todesengel Azrael einen scherenschnittartigen Schwank aus seinem Leben zum Besten gibt. Beim düsteren Rückblick auf eine Schulzeit, die wohl im Kabinett des Dr. Caligari stattgefunden haben muß oder bei der kreischbunten Zukunftsvision eines Exil-Iraners in den USA, die wirkt wie ein Blick durch einen View Master aus den 1970er Jahren. Das alles sind großartige Gründe, um sich im Kinosaal einzufinden und der freigesetzten Spielwut des Regie-Duetts mit Farben, Formen, Materialien und Hommagen zu folgen.

Damit das Publikum dabei aber nicht völlig der visuellen Reizüberflutung erliegt, haben Satrapi und Paronnaud einen erzählerischen Downer eingebaut, ein Märchen – vorgelesen von einem waschechten Märchenonkel aus dem Off. Es handelt vom Violinisten Nasser Ali, der beschließt innerhalb von acht Tagen zu sterben, nachdem seine Frau im Streit seine Geige zertrümmert hat. Nasser Alis letzten Tage sind angefüllt mit Erinnerungen an eine tragische Jugendromanze, die viel Platz läßt für Mathieu Almaric und dessen große, dunkle, traurige Augen. Damit ist Huhn mit Pflaumen zwar kein zweiter Persepolis mit Schauspielern geworden, aber die rare Erfahrung eines Kinohörspiels mit grandiosen szenischen Darstellungen sollte man trotzdem mal gemacht haben. 2011-12-30 13:19

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #64.
© 2012, Schnitt Online

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