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Und dann der Regen

Tambien la lluvia. E/F/MEX 2010. R: Icíar Bollaín. B: Paul Laverty. K: Alex Catalán. S: Ángel Hernández Zoido. M: Alberto Iglesias. P: Morena Films, Mandarin Films. D: Gael García Bernal, Luis Tosar, Raúl Arévalo, Karra Elejalde, Carlos Aduviri, Cassandra Ciangherotti u.a.
103 Min. Piffl 29.12.11

Columbus Reloaded

Von Carsten Happe Ein Filmdreh ist eigentlich das geringste der Probleme in der bolivianischen Stadt Cochabamba, deren Wasserversorgung privatisiert und an einen multinationalen Konzern verkauft wurde, und doch stehen die zumeist indianischen Einwohner zu Hunderten für ein Casting an. Der ambitionierte junge Regisseur Sebastián möchte einen aufrichtigen Film über Christoph Columbus drehen und dessen Entdeckerreisen als gold- und machtgierige Ausbeutung der Ureinwohner entlarven. In seinem eingeschränkten Blick, der allein auf das unbedingte Gelingen dieses Projekts gerichtet ist, bemerkt er nicht die Ironie, daß er sich selbst längst in einen Kolonialherren verwandelt hat, der die Bevölkerung zu seinem eigenen Vorteil mißbraucht. Auch die sozialen Unruhen, die die Proteste gegen die Privatisierung des Wassers in der Stadt auslösen, erkennt das Filmteam erst, als es bereits zwischen den Fronten der aufgebrachten Bürger und einem hochgerüsteten Apparat steht.

Regisseurin Icíar Bollaín und Autor Paul Laverty, der zuvor zahlreiche Drehbücher für Ken Loach geschrieben hat, verfolgen mit Und dann der Regen drei Erzähllinien, die miteinander korrelieren und sich in den besten Momenten selbst kommentieren – sowohl der Film im Film, dessen kaum kontrollierbare Dreharbeiten, wie auch der Konflikt ums Wasser: »Es geht immer um Geld«, konstatiert Sebastián mit resigniertem Blick auf die angespannte Lage in Cochabamba, doch als es auch für das Filmteam allein darum geht, mit heiler Haut davonzukommen, sieht sein Produzent Costa die einzige Chance in Schmiergeldzahlungen, um die Blockaden zu überwinden.

Selbst der Regen – hier ist der deutsche Titel auf der falschen Fährte –, die denkbar natürlichste Ressource, wird der Bevölkerung verwehrt und dieses Motiv steht sinnbildlich für das Autorenkino des Paul Laverty, der in seinen engagierten Büchern immer wieder die elementarsten Mißstände aufzeigt. Bei Loach werden daraus oftmals anämische wie didaktische Lehrstunden, in den Händen der spanischen Regisseurin Bollaín jedoch gelingt ein vielschichtiges, packendes Drama über die Hybris der Mächtigen und letztlich auch den Zustand der Welt. 2011-12-28 15:35

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #64.
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