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The Ides of March – Tage des Verrats

The Ides of March. USA 2011. R,B: George Clooney. B: Grant Heslov. K: Phedon Papamichael. S: Stephen Mirrione. M: Alexandre Desplat. P: Smoke House, Appian Way, Exclusive Media Group, Croos Creek Prods. D: George Clooney, Ryan Gosling, Marisa Tomei, Evan Rachel Wood, Paul Giamatti, Philip Seymour Hoffman, Jeffrey Wright, Max Minghella u.a.
98 Min. Tobis ab 22.12.11

Mr. Clooney Goes to Washington

Von Daniel Bickermann Einer der bemerkenswertesten Filme des Jahres beginnt mit dem Protagonisten, der eine Bühne betritt und eine Rede über sein Heimatland hält. Alles erinnert an die Eröffnungsmonologe von Patton oder Good Night, and Good Luck., aber diese Vergleiche führen, wie so vieles in diesem klugen, komplexen Film, in die Irre. Denn während Ryan Gosling noch die Worte »I believe in America« spricht, erinnern wir uns an ein deutlich ironischeres Vorbild für filmische Eröffnungsreden: Der Pate. Auch in The Ides of March wird es nicht um den Kampf eines Helden um die Seele der Nation gehen, sondern um die Korruption eines jungen Idealisten, der seine Unschuld verliert, die dreckigen Spielregeln erkennen muß und sie zum allgemeinen Entsetzen äußerst gut beherrscht.

Mit dieser Information geht man als vorgebildeter Kinogänger vermutlich in den Film hinein: Ein Film über Loyalität und Naivität, Mißtrauen und Verrat – nichts Neues also. Vielleicht weiß man sogar, daß das zugrundeliegende Theaterstück »Farragut North« lose auf Howard Deans Vorwahlkampf 2004 und seinem desertierenden Pressesprecher Steve Grossman beruht. Aber schon nach wenigen Minuten laufen alle Realitätsvergleiche (mit denen man beispielsweise während Primary Colors durchgehend beschäftigt war) ins Leere: Zu flink und geschickt werden hier sechs bis sieben vielschichtige Charaktere aufgebaut, zu komplex ist die Sympathieführung der Hauptfigur – das hier ist kein Dokudrama, sondern eine eigenständige Geschichte. Damit nicht genug: Spätestens zur Hälfte hat der Film alle vorherigen Erwartungen und Plotpunkte bereits abgehandelt und nimmt unerwartet Fahrt auf – die Fronten zerbrechen, die Machtverteilung zwischen besagten sechs Figuren wechselt ständig, Konflikte kommen aus unerwarteten Richtungen, der Protagonist gewinnt zusätzliche Facetten. Der Zuschauer bemerkt, daß der langsame Aufbau der ersten Stunde dazu diente, eine elaborierte emotionale Achterbahn zu konstruieren, durch die er nun hindurchgeschossen wird.

Diese Achterbahn ist aus vielen Gründen meisterlich konstruiert, von Alexandre Desplats nachdenklicher, aber doch treibender Musik über den nüchternen Retro- Look der 1970er-Paranoiathriller bis zu den zugleich eleganten und messerscharfen Dialogen. Und daß Darsteller wie Hoffman, Giamatti oder Wright selbst in kleinen Nebenrollen glänzen können, haben sie vielfach bewiesen, und hier erhalten sie mehr als genug saftiges Material für atemberaubende Auftritte. Aber es sind zwei andere Personalien, die besonders bemerkenswert erscheinen. Da ist zum einen der Hauptdarsteller Ryan Gosling, der hier ein weiteres Mal seine geradezu unheimliche Klasse beweist. Sein Protagonist beginnt als charmanter Blender, was schwierig genug ist. Wie er im Laufe des Films aber zum cholerischen Kind wird oder zum verbitterten Intriganten, wie seine Augen kalt funkeln, wenn er im letzten Bild zu einer weiteren Rede über Amerika ansetzt, und wie er es schafft, uns durch all diese Wendungen bei der Stange und auf der Kippe zwischen Sympathie, Abscheu und Faszination zu halten, das ist wirklich meisterlich. Die zweite Personalie betrifft George Clooney, der den Film als idealistischer Präsidentschaftskandidat für die übliche linke Rhetorik nutzt – so müßte ein Präsident doch aussehen und reden! – bevor er einen schwarzen Stein in den Spiegel des liberalen Weltverbesserers wirft: Er ist der Anti-Mr. Smith auf dem Weg nach Washington. Es ist ein umso mutigerer und schockierenderer Bruch, als daß Clooney vorher all seinen Charme und all seine Eloquenz in die Waagschale geworfen hat; ein Bruch, wie ihn nur ein Star hinbekommt, der seit Jahren trainiert, jegliches Image konsequent zu unterwandern und zu sprengen.

Clooney scheint nach seiner etwas locker geratenen Football-Komödie Leatherheads nun also doch willens und in der Lage, als Nachfolger seines langjährigen Mentors Steven Soderbergh die Tradition politisch unbequemer, komplexer Ensemblefilme auf höchstem Niveau fortzuführen. Die Kontakte zu ähnlich mutigen Schauspielern, Produzenten und Autoren hat er, das inszenatorische Können sowieso, da werden die ganz großen Preise nicht fernbleiben. Man spekuliert bereits, ob The Ides of March dieses Jahr den Oscar als bester Film gewinnen kann. Das ist nebensächlich. Wichtig ist, daß er ihn verdient hätte. 2011-12-16 16:41

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