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Sommer der Gaukler

D/A 2011. R: Marcus H. Rosenmüller. B: Robert Hültner, Klaus Wolfertstetter. K: Stefan Biebl. S: Georg Söring. M: Gerd Baumann. P: Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion GmbH. D: Max von Thun, Lisa Maria Potthoff, Nicholas Ofczarek, Michael Kranz, Anna Maria Sturm, Erwin Steinhauer, Maxi Schafroth, Butz Buse, Anna Brüggemann u.a.
110 Min. Movienet ab 22.12.11

Bayerisches Allerlei

Von Sven Weidner Marcus H. Rosenmüller wird vielfach als der Doyen des »Neuen Deutschen Heimatfilms« charakterisiert. Und in der Tat: seit seinem Filmdebüt Wer früher stirbt ist länger tot aus dem Jahre 2006 spielen seine Filme nicht nur überwiegend in der oberbayerischen Idylle, sie haben alle gleichsam einen Anstrich freundlich gemeinter bayrischer Folklore. Nicht nur, daß die Protagonisten im durchaus sympathischen Dialekt miteinander kommunizieren, sie pflegen auch die raubeinigen, ungestiefelten, derben und ebenso schroff anmutenden Umgangsformen, die den Bayern gemeinhin nachgesagt werden.

Rosenmüllers Filmhandlungen sowie die Zeichnungen seiner Figuren sind linear, ohne große Wendungen, ab- und auch manchmal zu vorhersehbar. Dasselbe gilt für die Lösungen der Konflikte, die wenig komplex und zuweilen bilderbucheinfach daherkommen. Aber Rosenmüller ist weder ein Tiefenpsychologe, noch einer, der die Vergrößerungslupe auf das Innere seiner Protagonisten oder ihre Lebensumstände legt; er ist vielmehr ein Raconteur im besten Sinne des Wortes, der seine Geschichten mit ein bißchen Ironie würzt und hin und wieder einen Ausflug ins Surreale und Märchenhafte wagt. Bisher zumindest.

Rosenmüller hat schon mit seinem Film Räuber Kneißl (2008) sein Interesse für historische Stoffe und Figuren bekundet, als er handwerklich und dramaturgisch souverän das Leben des realen bayerischen Räubers »Mathias Kneißl« nachzeichnet. Mit Sommer der Gaukler geht er noch einmal gute 100 Jahre weiter zurück in die Geschichte und setzt dem Leben des Emanuel Schikaneder samt seines Wandertheaterensembles ein beherztes Denkmal. Schikaneder war zu seiner Zeit das, was man heute wohl als »Allrounder« schlechthin bezeichnen würde: er wollte als Schauspieler, Regisseur, Dichter, Stückeschreiber und Leiter seines Ensembles gleichermaßen reüssieren.

Die Theaterwandertruppe von Schikaneder – er wird in seiner ganzen überzogenen, affektierten, ja windbeutelhaften Art gekonnt verkörpert von Max von Thun – die mehr oder minder erfolgreich an mehreren Bühnen gastiert und chronisch pleite und entsprechend blutleer ist, muß aufgrund widriger Umstände in einem Dorf an der deutsch-österreichischen Grenze vorübergehend ausharren. Und in diesem Ort entzünden sich nicht nur die üblichen ständeübergreifenden Kabale und Liebe, sondern auch die Idee Schikaneders, die feudalen Zustände, genauer die Ausbeute der gebeutelten Bergarbeiter durch den reichen wie durchtriebenen Bergwerkbesitzer Paccoli (Erwin Steinahuer) zum Thema eines, nämlich seines neuen Theaterstückes werden zu lassen. Wir haben es also nicht mit dem Film im Film, sondern mit dem Theater im Film zu tun. Denn: Rosenmüllers Figuren deklamieren den ganzen Film hindurch nicht nur unermüdlich, fast schon ein wenig penetrant Shakespeare rauf und runter, ihr gesamtes Spiel, ihr Habitus, ihr Handeln ist gekennzeichnet von einer überbordenden Theatralität. Mitunter scheint der gesamte Film ähnlich einem Theaterstück in unterschiedliche Akte aufgebaut zu sein, mit einer Exposition, einer steigenden Handlung, einem Wendepunkt und einer Katastrophe, hier aber einem positiven Ende.

Mit mannigfaltigen Handlungssträngen und vielen kleinen Nebenschauplätzen bringt der Filmemacher ein Potpourri von Themen aufs Tablett, das dann aber, je länger der Film dauert, trotz so mancher witziger und ironischer Einsprengsel ein wenig langweilt. Fast schon redundant muten dann einzelne Szenen an. Zum einen überhebt sich Rosenmüller ganz kräftig, wenn er aus den diversen Genres – angefangen vom Historienfilm, der Satire, ein bißchen Melodrama, der Komödie, der Burleske über den opulenten Kostümfilm bis hin zum Musical und dem Biopic – so mehr oder minder alles verwurstelt, so daß die einzelnen Genres schlußendlich ihre eigene Kraft verlieren. Weniger ist manchmal mehr, und dieser Genre-Mix ist dann eher Bayerisches Allerlei als sonst irgendwas. Das gilt auch für den breitbandigen, aufdringlichen Einsatz der Musik, die durch die verschiedenartigsten Stile hindurch variiert.

Völlig altbacken und ebenso fantasielos ist es dann auch, wenn einzelne Sequenzen oder Handlungseinheiten nicht durch eine ordentliche Montage, sondern durch einen herabfallenden beziehungsweise sich öffnenden Vorhang gekennzeichnet werden. Schon längstens ist dem Zuschauer gewahr, daß es hier um das Theater und die von ihm mitunter ausgelösten Irrungen und Wirrungen geht. Rosenmüller bedient sich auffallend oft der soliden Nahaufnahme oder der Parallelmontage. Letztere wird häufig eingesetzt, um die simultan sich abspielenden Betrügereien des Ehepaars Schikaneder zu inszenieren, damit einem das muntere Fremdgehen auch ja nicht entgeht.

Zum anderen scheint der Regisseur bei diesem Film zum beinahe zwanghaften Ironiker geworden zu sein, da nahezu jede Äußerung, jedes Räuspern, jeder Einfall, jede Szene gleichsam ironisch gemeint und dementsprechend aufgefaßt werden kann. Dieses Zuviel an Ironie und Witz nimmt im Grunde jedwede Schärfe; Rosenmüller kalauert, und das arbiträr, penetrant und oftmals allzu schlicht vor sich hin.

Nur vermeintlich keck ist die Idee des Regisseurs, wenn er etwa die aufständischen Bergarbeiter, die zusehends gegen das ausbeuterische Verhalten des Paccoli rebellieren, eine Art »Aufstandsblues« anstimmen läßt. Im Chor wird gesungen und sich zum Blues-Rhythmus bewegt. Die Komposition der kernigen aufgebrachten Bergarbeiter mit dem gemütlich anmutenden Blues ist wieder eine der endlosen ironischen Brechungen. Die glänzenden schauspielerischen Leistungen aller Akteure, sowohl in den Haupt- wie Nebenrollen , kompensieren die abgelutschten Filmideechen von Rosenmüller bis zu einem gewissen Grad.

Der Film ist gewissermaßen aufschneiderisch mit viel Aplomb, eine Posse mit wenig Substanz, wiewohl auch Schikaneder selbst bisweilen ein Aufschneider war, dessen Meriten erst später gebührend anerkannt werden sollten. Sympathisch ist, daß Rosenmüller es trotz aller zweifelhaften ästhetischen Mittel vermag, aufzuzeigen, wie menschliche Triebe und Untriebe, Haß und Intrigiersucht, Macht und Gier, klassen- und milieuunabhängig jedes Individuum umhertreiben. Zweifelsohne: man wird im Sommer der Gaukler passabel unterhalten, auch dank mancher Schauwerte; und wenn man einen Hang zum burlesken, leichten, ein wenig anrüchigen Schauspiel hat, ist man bestens aufgehoben. Schikaneder träumt und parliert immer wieder vom »Weltentheater«, daß sämtliche Aspekte beinhalten soll, vom großen und weiten Wurf also. Von der Idee oder dem Ansatz eines »Weltenkinos« ist bei diesem Film allerdings kaum was zu spüren. 2011-12-16 09:32
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