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Abendland

A 2011. R,B,K: Nikolaus Geyrhalter. B,S:  Wolfgang Widerhofer. B: Maria Arlamovsky. K: Matthias Halibrand, Oliver Schneider. P: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion.
94 Min. RealFiction ab 22.12.11

Die Festung Europa

Von Michael Kienzl Mit Abendland hat der österreichische Regisseur Nikolaus Geyrhalter einen Dokumentarfilm gedreht, der sein Konzept schon im Titel trägt. Nicht nur der Schauplatz ist damit beschrieben, sondern auch die Zeit, zu der die Aufnahmen entstanden sind. Ein Film über Europa bei Nacht scheint durch sein unheimlich breites Thema von Anfang an zum Scheitern verurteilt zu sein. Immerhin sind gelungene Dokumentation eher spezifische als allgemeine Beobachtungen. In der Tat will Geyrhalter einen großen Bogen spannen, der von einer Grazer Frühchenstation bis zu einem Dresdner Krematorium reicht. Die Struktur des Films ist dabei recht simpel. Ungefähr 20 Orte werden besucht und kurz und treffend vorgestellt. Nachvollziehbarkeit ist dabei stets wichtig. Kein Voice Over und auch keine Einblendungen helfen bei der Orientierung. Wo wir uns befinden, erfahren wir letztlich nur über Bilder und wenige Dialoge.

Geyrhalter bedient sich seines bewährten formalen Instrumentariums. In langen, meist statischen Einstellungen werden einfache Vorgänge aufgezeichnet. Die Bildkompositionen sind streng, aber eher funktional als daß sie ihrer eigenen Schönheit erliegen. An jedem Ort tastet man sich erneut an den spärlich gestreuten Informationen entlang. Hier ist der Weg wirklich das Ziel. Diese Detektivarbeit macht aber auch durchaus Spaß. Besonders dann, wenn unsere Erwartungen enttäuscht werden. Einmal ist etwa ein Mann zu sehen, der an einem Schreibtisch sitzt und telefoniert. Die Kleidung ist eigentlich die eines Geschäftsmannes, und das Gespräch hört sich nach einer Verhandlung an. Erst ein Schild in der nächsten Einstellung klärt das Mißverständnis auf. Denn in Wahrheit arbeitet der Mann für eine niederländische Telefonseelsorge.

Die einzelnen Episoden verknüpft Geyrhalter zwar eher assoziativ, allerdings zeichnen sich doch einige Hauptmotive ab. Zunächst einmal lassen sich die Menschen in Abendland grob in zwei Gruppen einteilen: jene, die in der Nacht ihrer Arbeit nachgehen, und jene, die davon profitieren. Ein Besuch auf dem Münchner Oktoberfest zeigt beispielsweise Bedienungen, die sich im Bierzelt durch die Massen Besoffener schieben, oder Sanitäter, die vor der Tür Alkoholleichen reanimieren. Europa ist für Geyrhalter auch eine Festung, in der ständig versucht wird, die Sicherheit ihrer Bewohner zu gewährleisten. Die Gefahren können von außen kommen. So soll ein massiver Zaun an der spanisch-marokkanischen Grenze vor Flüchtlingen aus Afrika helfen. Oder eine Schweizer Rückkehrberaterin im Schafspelz versucht, einen Nigerianer mit manipulativer Gesprächsführung zur Heimreise zu überreden. Die Bedrohung lauert aber auch innerhalb europäischer Grenzen. Eine wirklich komische Szene zeigt, wie in einer Einsatztrainingsanlage der deutschen Polizei für den Ernstfall geübt wird, während die Zentrale der Londoner Straßenüberwachung wie eine Science-Fiction-Kulisse wirkt. Und wenn die Institutionen selbst nicht für Sicherheit sorgen, müssen es eben die Prostest-Raver in die Hand nehmen, die einem Castortransport den Weg versperren.

Durch die Selektion der Orte zeichnet sich Geyrhalters politische Haltung deutlich ab. Immer wieder verschlägt es ihn in prekäre Milieus, zu ausländischen Billigarbeitern oder der tschechischen Sexindustrie. Und doch sind die Betrachtungen eher sachlich als moralisierend und folgen auch keiner plumpen Argumentationslinie. Geyrhalters inszenatorische Stärke zeigt sich etwa im Vergleich zu seinem Landsmann Erwin Wagenhofer. Beide haben einen Film über die Nahrungsmittelindustrie gedreht. Doch während Wagenhofer in We Feed the World vor allem aufdecken will und streckenweise einen sehr agitatorischen Ton anschlägt, vertraut Geyrhalter in Unser täglich Brot auf einen mündigen Zuschauer, der sich seine Meinung selbst bilden kann. Und auch in Abendland läßt er die Welt so komplex wie sie ist. Oder zumindest Europa. 2011-12-15 16:20
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