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Black Power Mixtape 1967-1975

S 2011. R,B,S: Göran Olsson. S: Hanna Lejonqvist. M: Corey Smyth. P: Story AB.
96 Min. Mouna ab 14.12.11

Schwedische Reporter im Herzen des Protests

Von Sabine Weier Gigantische schwarze Sonnenbrillen, geballte Fäuste, eiserner Kampfgeist, Uniformen, Waffen, Handschellen: Solche Bilder der Black Panthers haben sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Ende der 1960er Jahre brodelte es in den Ghettos amerikanischer Großstädte. Martin Luther Kings Traum einer friedlichen Protestbewegung für die Bürgerrechte der Afroamerikaner war geplatzt, nach seiner Ermordung im Jahr 1968 brachen Unruhen aus, und unter der Führung der Black Panthers formierte sich der bewaffnete Protest. In einer Aufnahme, die jetzt in The Black Power Mixtape 1967 – 1975 zu sehen ist, bringt der charismatische Wortführer Stokely Carmichael die Stimmung vor der Eskalation auf den Punkt: »Dr. King ist ein großartiger Mann und sehr geduldig. Ich gehöre aber zu einer jüngeren Generation, und ich bin weder so geduldig, noch so barmherzig.« Kurze Zeit später vertrieb ihn die CIA aus den USA.

Göran Hugo Olssons Mixtape räumt mit Klischees auf. Er zeigt zwar wütende, vor allem aber sensible und intelligente junge Menschen im Kampf für eine bessere Zukunft. Die Aufnahmen stammen aus dem Archiv eines schwedischen TV-Senders. Fast 40 Jahre lang hatten die Filmrollen aus den 1960er und 70er Jahren dort im Keller geschlummert, als Olsson seine faszinierende Entdeckung machte. Auf der Suche nach Footage-Material für ein anderes Projekt stieß er auf Interviews mit Ikonen des Protests und intime Aufnahmen, gefilmt in afroamerikanischen Schulen, in den Seitenstraßen der Ghettos, sogar im Wohnzimmer von Carmichaels Mutter. Was den schwedischen Reportern gelang, wäre für weiße Amerikaner damals undenkbar gewesen: Sie drangen mit der Kamera in das Herz einer afroamerikanischen Subkultur vor, die zwischen Jazz und Funk, Afro und Schlaghosen, politischem Aktionismus und neuem Selbstbewußtsein eine eigene Identität formte und sozialen Aufstieg erkämpfte.

Warum öffneten diese Menschen ihre Türen ausgerechnet für Reporter aus Schweden? Nachdem Martin Luther King im Jahr 1964 in Schweden feierlich der Friedensnobelpreis überreicht worden war, entwickelte das schwedische Publikum ein besonderes Interesse an der Black-Power-Bewegung, ihren Protagonisten und den Hintergründen. Also reisten schwedische Journalisten in den folgenden Jahren regelmäßig in die USA und drehten dort Reportagen, die dann im schwedischen Fernsehen einmal ausgestrahlt wurden und schließlich ins Archiv wanderten.

Olsson führte das Material in einer spannenden Komposition zusammen. Sie transzendiert die informative dokumentarische Ebene, indem sie sich inhaltlich und formal regelrecht in ihr Sujet einfühlt. Der Schwede verwebte die Aufnahmen kunstfertig mit Songs und Kommentaren zeitgenössischer Hip-Hop-Künstler wie Erykah Badu oder Talib Kweli sowie Erläuterungen von Schauspieler, Sänger und Bürgerrechtler Harry Belafonte und anderen Ikonen zum im Titel angekündigten Mixtape. Der Film »sampelt« die seltenen Bilder der Protestbewegung und inszeniert das längst globalisierte und kommerzialisierte Phänomen Hip-Hop im Kontext seiner Wurzeln.

The Black Power Mixtape bedient eine Reihe ästhetischer und emotionaler Bedürfnisse. Der körnige Look und die Farbblässe des 16-mm Materials, der TV-Reportagestil von damals und nicht zuletzt die wunderbare Stilschau afroamerikanischer Mode stillen den Retro-Hunger. Bewegende Interviews machen Gänsehaut, und die unschuldige Neugier, mit der sich die schwedischen Reporter an die komplexe Bewegung herantasten, involvieren und verleihen dem Film auch eine humoristische Qualität. Diese kommt vor allem in einer Szene zum Tragen, in der bürgerliche schwedische Touristen mit Reiseleiter eine Bustour durch Harlem machen – der New Yorker Stadtteil galt damals als einer der gefährlichsten der USA.

Die ergreifendsten Minuten des Films zeigen ein Interview mit der Bürgerrechtlerin Angela Davis. Schwedische Reporter schafften es, sie im Gefängnis zu besuchen, wo sie für einen angeblich begangenen Mord inhaftiert war. Später wurde sie freigesprochen und entging so ihrer Hinrichtung. Die Fragen wirken unbeholfen und führen schließlich zu einem emotionalen Ausbruch der Protest-Ikone: »Sie fragen mich, ob ich Gewalt befürworte? Das finde ich unglaublich. Wer so eine Frage stellt, hat keine Ahnung, was Schwarze in diesem Land erlebt haben.« Ihr Gesicht und die bebenden Augen sind in einer Großaufnahme eingefangen. Sie hört auf zu sprechen und schaut für einige lange Sekunden nach unten. Eine Vorzeigekämpferin ringt um Fassung. Dann erzählt sie vom Leben in ihrer Heimatstadt Birmingham, wo 1963 vier junge farbige Mädchen, die Davis selbst kannte, bei einem Bombenanschlag auf eine afroamerikanische Kirche ums Leben kamen.

Göran Hugo Olsson legt ein kulturhistorisch einmaliges Dokument – eine andere Chronik der Ereignisse zwischen 1967 und 1975 – und einen packenden Film vor. Er zeigt die menschliche Seite einer Revolution. Und das ist ein Einblick, der sich immer lohnt. 2011-12-14 13:55
© 2012, Schnitt Online

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