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Perfect Sense

D/GB/S/DK 2011. R: David Mackenzie. B: Kim Fupz Aakeson. K: Giles Nuttgens. S: Jake Roberts. M: Max Richter. P: Sigma Films, Zentropa. D: Ewan McGregor, Eva Green, Ewen Bremner, Connie Nielsen, Stephen Dillane, Shabana Akhtar Bakhsh, Alastair Mackenzie, Caroline Paterson u.a.
92 Min. Senator ab 8.12.11

Apokalovestory Now

Von Nicole Ribbecke Perfect Sense fand seit seiner Premiere in Edinburgh den Weg in so manches Festivalprogrammheft. Neben dem Sundance Festival mag dabei das Fantasy Filmfest vielleicht etwas an Tragweite einbüßen, jedoch keinesfalls an Farbenprächtigkeit. Als Centerpiece des Filmfests erstrahlt Perfect Sense zur fremdernannten Sonne, um die als Trabanten Splatter, (S)Exploitation, Science Fiction, Torture Porn, Slasher und andere Peripheriegenres ihre Umlaufbahnen ziehen – auf den ersten Blick charmant verwirrend, so ganz ohne sprudelnde Killerzombiegedärmemassaker, durchgeknallte Rachetobsuchtsfanatiker, sich zur Wehr metzelnde Blutsauger und – aufatmen! – ohne Aliens.

Perfect Sense beginnt sensationsunwütig und bleibt es auch. Die Menschheit steht keiner nationalwahrzeichenbedrohenden Bestie entgegen, sondern Unentzifferbarem, Symptomen der komprimierten Emotionen und darauf folgenden sukzessiven Sinnesverlusten. Keine meteoritenbohrende Mannschaft wird helfen können, kein Militärtrupp marschiert in den wütenden Kampf, kein ektoplasmatisches Blitzdings als Heilsversprechen. Mackenzies Gegenschlag (wen wundert's?) ist so einfach, wie er poetisch ist: Weitermachen, weiter Mensch sein, Mitmensch sein und, ja, weiterlieben. Das klingt kitschig, ist es aber nicht. Giles Nuttgens' ungefilterte Nahaufnahmen und die Terrorstreichmusik Max Richters teilen sich die Lorbeeren für eine derart unprätentiös formulierte Epidemie-Liebesgeschichte mit dem Regisseur und seinen beiden Hauptdarstellern.

Gewollt unbeholfen beschreiten sie gemeinsam das Trümmerfeld einer untergehenden Zivilisation, in der der Verlust der Sinne den eigentlichen Verfall darstellt, nicht das Chaos auf den Straßen. Es ist das Weitermachen, der Zusammenhalt der Menschen, die allegorische Liebesgeschichte zweier Figuren, die trotz aller Widrigkeiten zueinanderfinden. Der ewig charmante Ewan McGregor und Eva Green in ihrer leicht wilden Rastlosigkeit verkörpern jenes Weitermachen auf solch berührend schlichte Weise als zwei Menschen, die das Vertrauen verloren und die Hoffnung miteinander wiedergefunden haben. Ist auch der Geruchs- und Geschmackssinn verloren, beißen sie herzhaft in die Seife, nachdem sie vom Rasierschaum genascht haben. Sie gehen tanzen, sie betrinken sich und rauchen Unmengen von Zigaretten. Mit welch Inbrunst in diesem Film kettegeraucht wird, sei denen als Warnung erwähnt, die dieser Sucht abzuschwören versuchen. Wird auch durch konsequentes Fortqualmen bestätigt, daß Geschmack keine Rechtfertigung ist, erweist sich dieser Sinn doch als verloren, so symbolisiert es hier wiederholt jenes Weitermachen, nach dem alles in Schutt und Asche, man selbst am Boden liegt.

Mackenzie wäre inkonsequent in der Darstellung dieses stillen Protests des Weitermachens, gäbe es am Ende einen katharsisgleichen Erlösungsmoment. Schonungslos verbleibt der Film in einem Augenblick der Bewegung, bevor das Bild von der Leinwand verschwindet. Es ist eine Bewegung aufeinander zu, auch wenn so vieles verloren scheint. Perfect Sense ist ein leiser Film am Rande der genretreuen Panikdramaturgie, keine Sonne also. Aber doch etwas, woran wir uns wärmen können. 2011-12-06 23:35
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