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Wyssozki – Danke, für mein Leben

Wyssozki. RUS 2011. R: Pyotr Buslow. B: Nikita Wyssozki. K: Igor Grinyakin. M: Ruslan Muratov. P: Direkzija Kino, Monumental Pic. D: Sergey Bezrukov, Oksana Akinshina, Andrey Smolyakov, Ivan Urgant, Maksim Leonidov, Vladimir Ilin, Andrey Panin, Dmitri Astrakhan u.a.
120 Min. Kinostar ab 1.12.11

Der Künstler im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Von Ekaterina Vassilieva Vladimir Wyssozki ist für Russland dasselbe wie Serge Gainsbourg für die ganze Welt. Sogar noch mehr, denn man konnte zeit seines Lebens gar nicht genug von ihm bekommen, weil der Kunstbetrieb in der Sowjetzeit den bekannten Restriktionen unterlag. Als Filmschauspieler weit unter seinen Möglichkeiten beschäftigt, als Singer-Songwriter halb illegal, blieb er bis zum frühen Tod eine verbotene und begehrte Frucht. Durch zahlreiche Legenden, die sich um seine Biographie scharen, scheint eine zerbrechliche, durch Alkohol- und Drogenkonsum gezeichnete, aber ungemein charismatische Persönlichkeit durch. Doch dem Biopic von Piotr Buslow geht es nicht um ein psychologisches Porträt von Wyssozki. Der Film verfolgt hart und konsequent seine Unterhaltungsabsichten, wobei die Versessenheit auf äußere Details das Genrekino hier fast auf die Spitze seiner Möglichkeiten treibt.

Im Mittelpunkt stehen die Ereignisse des vorletzten Sommers im Leben Wyssozkis. Es ist Juli 1979. Die sowjetische Hauptstadt bereitet sich auf die bevorstehenden Olympischen Spiele vor. Bürokraten und KGB-Mitarbeiter treiben ihr Unwesen. Die Atmosphäre ist unerträglich. Doch Wyssozki scheint in einer Parallelwelt zu leben. Er hat alles, wovon die meisten Sowjetbürger nur träumen können: einen eigenen Mercedes, den Ruhm, eine wunderschöne junge Geliebte, die ihm bedingungslos zugetan ist, und sogar eine französische Ehefrau in Paris. Noch bevor man nach einer flotten Autofahrt durch das nächtliche Moskau aufatmen kann, um den Helden zu beneiden, zeigen sich schon die Schattenseiten. Nicht nur ist der Geheimdienst hinter ihm her, sondern auch der Drogenmißbrauch schlägt unerbittlich auf seine Gesundheit. Eine Entzugskur kommt nicht in Frage, denn erstens bietet die sowjetische Medizin keine angemessene Suchtbehandlung und zweitens ist der Alltag in der Sowjetunion offenbar so trist, daß er sich ohne Drogen gar nicht aushalten lässt. Und so setzt sich Wyssozki mit seinem Gefolge, das aus Freunden und Künstlerkollegen besteht, ins Flugzeug und fliegt nach Usbekistan zu den nächsten Konzertterminen. Die Spannung kann jetzt nur noch steigen, da der Stoff, den Wyssozki täglich braucht um halbwegs zu funktionieren, plötzlich aus ist und dringend aus Moskau beschaffen werden muß, und zwar: von seiner Geliebten Tatiana, die dabei fast so schnell wie Lola rennt (aber auch fliegt und fährt). Der Geheimdienst, der dem Sänger illegale Auftritte nachweisen will, ist ebenfalls immer einsatzbereit und verstreut überall seine Fallen.

Die Bewegung – als Reise-, Verfolgungs- oder Rettungsmotiv – ist stets im Film präsent und stellt einen wohltuenden Kontrast zur Stagnation des Sowjetregimes dar, das in weniger als zehn Jahren auseinander brechen wird. Auch die intensiven Farben, die zum einen auf die Exotik der südlichen Republik und zum anderen auf das »schöne Leben« der Reichen und Berühmten rekurrieren, erschaffen eine Atmosphäre, die trotz aller Schikanen des KGB die Zeitkritik in den Hintergrund treten läßt. Als ein großer Verdienst der Filmemacher sollte man aber anrechnen, daß die Spannung, die sich aus dem Handlungsverlauf ergibt, eine starke emotionale Nuance durch die Hauptfigur als absoluten Sympathieträger bekommt. Obwohl von Drogen fast ruiniert, verliert Wyssozki nicht seine Würde. Je schlimmer es ihm körperlich geht, desto mehr ähnelt seine Konzert-Tour dem Leidensweg eines Heiligen, der vom Glauben an die eigene Berufung getrieben wird. Der Film stilisiert Wyssozki zu einem Sühneopfer, das der erdrückenden sowjetischen Wirklichkeit ihre Menschlichkeit zurückgibt. Sogar der mit diesem Fall beauftragte Geheimdienstler kann seine Rührung nicht verbergen und erlebt eine seelische Läuterung (nach dem erprobten Rezept, das bereits in Das Leben der Anderen wunderbar funktionierte).

Obwohl in Wyssozki viel gefahren, geflogen und gerannt wird, ist die wichtigste Reise, die der Held absolviert, die zwischen Leben und Tod. Bereits am Anfang des Films warnt ein Arzt seine Familie, daß Vladimir einen schwerwiegenden Herzfehler hat, der ihn jeden Moment das Leben kosten kann. Doch der Künstler will davon nichts wissen. »Wir machen weiter, wie bisher« – ist sein Lieblingssatz. Und so erlebt er abwechselnd Phasen des höchsten Aufschwungs und der übelsten Schwäche bis hin zum klinischen Tod. Die Wiederbelebungsversuche geben die bewegendsten Szenen ab und stehen gleichzeitig symbolisch für das ganze Filmprojekt. Denn Wyssozki wagt tatsächlich eine Wiederbelebung des russischen Volkslieblings, indem er seine äußere Gestalt mittels aufwendiger Maske und Computerverfahren denkbar exakt rekonstruiert. Und damit der Wiederekennungseffekt für den Zuschauer noch verblüffender ausfällt, wird der Name des Schauspielers, der in der Hauptrolle agiert, geheim gehalten. Vermutlich aber leiht er Wyssozki nur seinen Körper und ungefähre Mimik, während alles andere durch 3D-Animation erledigt wird. Jedenfalls bekommt der Untertitel – »Danke für mein Leben« – in diesem Zusammenhang eine weitere Bedeutungsebene. 2011-12-02 06:49
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