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Habemus Papam – Ein Papst büxt aus

Habemus Papam. I/F 2011. R,B: Nanni Moretti. B: Francesco Piccolo, Federica Pontremoli. K: Alessandro Pesci. S: Esmeralda Calabria. M: Franco Piersanti. P: Sacher Film, Le Pacte. D: Michel Piccoli, Nanni Moretti, Renato Scarpa, Jerzy Stuhr, Margherita Buy, Franco Graziosi, Camillo Milli, Dario Cantarelli u.a.
102 Min. Prokino ab 8.12.11

I Would Prefer Not To

Von Alexandra Horn Zehntausende haben sich versammelt, um Abschied zu nehmen, sie tragen Kerzen in den Händen, der Sarg wird aus dem Petersdom getragen. Es sind Fernsehbilder vom Begräbnis des Papstes, aber Nanni Moretti ersetzt den Originalton durch eine getragene Melodie und erzeugt in der Eingangssequenz von Habemus Papam eine so feierliche Atmosphäre, daß sich auch Nicht- Katholiken ergriffen fühlen.

Zur Wahl des neuen Papstes ziehen sich die Kardinäle in die sixtinischen Kapelle zurück, wo Moretti das erhabene Bild der kirchlichen Würdenträger schnell ad absurdum führt. Bei der Stimmabgabe breitet sich unter den Kardinälen Nervosität aus. Wie Schuljungen versuchen sie, einen Blick auf die Wahlzettel der anderen zu erhaschen, und als die Namen der Gewählten verlesen werden, vervielfältigen sich die Stoßgebete: »Nicht ich. Nicht ich!« Die Wahl fällt auf Melville. Zögerlich nimmt er die Wahl an, aber seine Angst wächst bei jedem Schritt, mit dem er sich der tosenden Menge auf dem Petersplatz nähert. Bevor der Diakon die Worte »Habemus Papam!« verkünden kann, läuft Melville schreiend davon.

Der »Heilige Vater« erleidet eine Panikattacke und stellt damit den Vatikan auf den Kopf. Moretti macht diese Situation zum Ausgangspunkt für einen Film, der in einer Mischung aus Komödie und Drama die menschliche Seite der Kirche sowie die Angst vor den Erwartungen in den Mittelpunkt rückt. Der Spagat zwischen den beiden Genres erweist sich von Beginn an als schwierig, denn während Moretti die Kardinäle als Schuljungen karikiert, vergeht dem Zuschauer das Lachen, sobald die Kamera auf Melville gerichtet ist. Mit sparsamen Gesten und Blicken verkörpert Michel Piccoli einen »echten« Menschen, der unter einer unerträglichen Last leidet.

Trotz Bedenken in Hinsicht auf die Unvereinbarkeit der Konzepte »Seele« und »Unterbewußtsein« soll ein Psychoanalytiker Melville helfen. Vor den Kardinälen sind Fragen zu Kindheit, Sex oder Träumen aber Tabu. Daher schlägt der Analytiker, gespielt von Moretti selbst, eine Kollegin vor, die Melville inkognito besuchen soll. »Ich möchte vieles verändern, aber ich bin immer müde, mein Kopf ist leer. Nennt man das eine Depression? «, fragt Melville die Psychologin. Mit der Diagnose »Zuwendungsdefizit in der Kindheit« kann er nichts anfangen und so nutzt er die nächste Gelegenheit zur Flucht. Bei seinem Streifzug erinnert sich Melville an seine Kindheit und seinen Traum, Schauspieler zu werden. Der dramatische Teil des Films zeichnet ein realistisches, einfühlsames Portrait eines Mannes, der nicht an Gott, aber an sich selbst zweifelt und am Ende einen mutigen Entschluß faßt. Wenn die Musik auch manchmal etwas dick aufträgt: Piccoli bewahrt den Film durch sein zurückgenommenes Spiel vor dem Abrutschen ins Melodramatische.

Im komischen Teil des Films stellt Moretti die Kardinäle als infantile, aber liebenswerte Männer dar, die Handys und Hometrainer besitzen und in Alpträumen nach ihrer Mutter rufen. Der etwas eingebildete Psychoanalytiker versucht, diese vergeblich zu belehren, Depressionen seien schon in der Bibel ein Thema gewesen und stößt mit seinen Thesen zum Darwinismus auf taube Ohren. Das komische Potential der unterschiedlichen Weltanschauung von Psychoanalyse und Kirche schöpft Moretti jedoch nicht aus. Stattdessen läßt er die Kardinäle völlig unvermittelt zu Mercedes Sosas »Todo Cambia« tanzen und inszeniert ein Volleyballspiel als komödiantischen Höhepunkt des Films. In beiden Szenen reicht der Verfremdungseffekt der Zeitlupe allein nicht aus, um den Eindruck einer surrealen Vision herzustellen, und weil Glaubensfragen und Kontroversen der Kirche keine Rolle spielen, gerät Morettis Vision einer menschlichen Kirche etwas substanzlos. Komödie und Drama schließen sich zwar nicht gänzlich aus, finden hier aber genauso wenig zueinander wie Psychoanalyse und Kirche. 2011-12-02 11:03
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