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Ausente

RA 2011. R,B,S: Marco Berger. K: Tomás Perez Silva. M: Pedro Trusta. P: Oh My Gomez! Films. D: Carlos Echevarria, Javier de Pietro, Antonella Costa, Rocio Pavon, Alejandro Barbera, Luis Mango u.a.
91 Min. Pro-Fun ab 8.12.11

Nachhilfe

Von Tina Hedwig Kaiser Ausente – abwesend, ist ein Schüler beim Sportunterricht. Dessen Lehrer ringt mit der Fassung. Und wird sie nicht mehr zurückerlangen. Der argentinische Regisseur Marco Berger hat einen bemerkenswerten und seltsamen Spielfilm rund um Begehren, Spannung und Unsicherheit inmitten gesellschaftlicher Überwachung vorgelegt. Dieses Jahr lief er im Forum der Berlinale und gewann auch gleich noch den Teddy Award. Und ja, genau, man möchte es nicht noch extra erwähnen müssen, aber es geht eben auch um Homoerotik. Wünschenswert wäre, wenn man die Bilder einfach nur auf der Ebene einer verkappten Liebesgeschichte schauen könnte, aber dies scheint im Bereich einer verbotenen und gleichgeschlechtlichen Liebe wie hier einfach nicht der Fall sein zu können. Und es ist wohl auch nicht gewollt.

Der Lehrer Sebastian möchte seinen Schüler Martin nach Hause fahren. Noch weiß er nicht, daß Martin sich eine Geschichte ausdenkt, um bei ihm übernachten zu können. Eine thrillerhafte Spannung liegt jedoch zwischen den beiden von Anfang an in der Luft. Man wundert sich ob des ruhigen, nichtig-belanglosen und doch extrem andauernden Miteinanders während einer endlosen Autofahrt. Auf der Tonebene wird dies noch zusätzlich verstärkt: ein wahrer Soundteppich liegt über manchen Einstellungen, so daß man die beiden, zu Beginn vor allem Martin, als völlig in der eigenen Wahrnehmung versunken empfindet. Diese Töne scheinen eine Art Wand der Abschottung gegenüber seinem Umfeld – alles was ihn in diesen Momenten interessiert, ist sein Lehrer. Er taucht in diesen Szenen also regelrecht unter und wird zum versunkenen Beobachter. Sebastian, der auch nicht allzu alte und charmante Sportlehrer, ist hier nunmehr vollkommen zum Lustobjekt seines Schülers geworden – er ist Freiwild, denn der Schüler ist sich der Kompromittierbarkeit des Lehrers vollauf bewußt. Doch Martin geht in seinen Eroberungsabsichten unauffällig passiv und perfekt manipulierend vor. Sebastian dämmert lange nicht, in was für ein Spiel er da mit hineingezogen wird.

Der ganze Film funktioniert dabei über Blicke. Diese sind überwiegend zentral in Szene gesetzt, intensiv und tragen fast alle Szenen – sie scheinen der eigentliche Sex zu sein, der in der Filmrealität nie zustande kommen wird. Die ängstlichen und bekümmerten Blicke Sebastians, die schüchtern-herausfordernd-lässigen Martins – es geht hin und her. Die ersten 30 Minuten ist der Film daher extrem gewöhnungsbedürftig, auch in seiner Langsamkeit und der Konzentration auf die verzögerten Nicht-Aktionen der beiden. Der Lehrer ist letztlich aufgeschmissen: Er will weder Job noch Ansehen riskieren. Der Schüler wird vom Dach fallen. Nicht anwesend sind sie letztlich beide in Interaktionen mit anderen Menschen. Sie scheinen für kein Gespräch mehr zu haben, alles richtet sich auf einen Fokus – den des Begehrens. Bis zum Nullpunkt aller Handlungsfähigkeiten. Ein extremer Film aus tönender Stille, anwesender Abwesenheit und abwesender Anwesenheit. 2011-12-02 08:54

Abdruck

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