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Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod

Balada triste de trompeta. E/F 2010. R,B: Álex de la Iglesia. K: Kiko de la Rica. S: Alejandro Lázaro. M: Roque Baños. P: Motion Investment Group, Canal+ España, Castafiore Films, La Fabrique 2. D: Carlos Areces, Antonio de la Torre, Carolina Bang, Manuel Tallafé, Alejandro Tejerías u.a.
107 Min. Koch Media ab 8.12.11

Why So Serious?

Von Asokan Nirmalarajah Der Clown gilt nicht erst seit seinen auffallend monströsen Auftritten in der jüngeren Populärkulturgeschichte als eine unfreiwillig furchterregende Figur. Die disproportionalen Gesichtszüge und Körperteile, die überdrehte Mimik und Gestik bereiteten nicht wenigen Kindern Alpträume, lange bevor negative Clownsfiguren wie der wahnsinnige Schurke Joker, zuletzt eindrucksvoll reanimiert als urbaner Terrorist von Heath Ledger in Christopher Nolans Batman- Verfilmung The Dark Knight (2008), oder der kindermordende Pennywise aus Stephen Kings Roman »Es« (1986) und der gleichnamigen Fernsehadaption von 1991 durch unsere Köpfe spukten. Die krankhafte Angst vor Clowns, die sogenannte Coulrophobie, wird auch von Álex de la Iglesias wild-chaotischem, surreal-groteskem Genre-Cocktail aus Zirkusmilieustudie, Liebestragödie, Gesellschaftssatire, Actionfilm und Horrordrama bedient. Doch die vielen sich gegenseitig behindernden Richtungen, in die der ambitionierte Film seine im Kern arg konventionelle Geschichte einer verhängnisvollen Dreiecksliebesgeschichte in der Zirkuswelt und vor dem politisch turbulenten Hintergrund des Franco-Regimes in Spanien drängt, sorgen weder für Anteilnahme, noch Nervenkitzel.

Dabei versucht sich der für seine bildgewaltigen, mit Gewaltund Sexszenen selten geizenden Kino-Alpträume bekannte Kultregisseur Iglesia gerade an einer Gratwanderung zwischen einem tragischen Liebesmelodram und einer Reflexion über die Monstrosität von Diktatoren, obsessiv Liebenden und eben auch Clowns. So folgt nach einem fulminanten Prolog, in dem sich ein macheteschwingender Clown seinen Weg durch die Reihen einer Soldateneinheit bahnt, denn auch eine Montage, in der die Konterfeis berühmter Filmmonster und Clowns neben denen tyrannischer Regenten auftauchen. Für den anschließenden rasanten, stilistisch lebendigen, aber substanzlosen bis konfusen Sprint durch eine visuell imposante Filmwelt, die wie eine Collage aus denen Fellinis, Buñuels und Jeunets anmutet, erhielt Iglesia letztes Jahr unerklärlicherweise den Silbernen Löwen für die beste Regie bei den Filmfestspielen von Venedig. Die durchaus erfinderische, manchmal überfrachtete Ästhetik der hysterischen Ausstattungs- und Kostümorgie lenkt aber nur bedingt davon ab, daß die durchaus interessanten Ansätze des Films zunehmend in einem beliebigen Chaos aus extremen Bildern, grellen Tönen und plumpen Provokationen versanden.

Wie dem Clown geht es auch Balada triste de trompeta, dessen internationaler englischer Verleihtitel The Last Circus noch besser die hoffnungslose, apokalyptische Grundstimmung des Films unterstreicht, darum, den Zuschauer zum Staunen, zum Lachen und zum Nachdenken anzuregen. Doch die »traurige Trompetenballade«, die der spanische Originaltitel verspricht, weckt über weite Strecken nur Gleichgültigkeit, da keine der drei engagiert gespielten, aber schablonenhaften Hauptfiguren – die naiv-lüsterne Schöne und die beiden ihr hörigen, von Mal zu Mal monströser werdenden Biester – für die notwendige Empathie oder Interesse sorgt. 2011-12-01 17:49

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