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Romeos

D 2011. R,B: Sabine Bernardi. K: Moritz Schultheiß. S: Renata Salazar Ivancan. M: Roland Appel. P: Boogiefilm. D: Rick Okon, Maximilian Befort, Liv Lisa Fries, Felix Brocke, Silke Geertz, Gilles Tschudi, Sigrid Burkholder, Johannes Schwab, Tessa Lukat, Ben Gageik, Kathrin Heß u.a.
94 Min. Pro-Fun ab 8.12.11

Verständ’ge Raserei und ekle Gall’ und süße Spezerei

Von Oliver Baumgarten Eine Frau, die zum Mann wird, um sich erst jetzt in Männer verlieben zu können; ein schwuler Italiener, der zum Schein mit Bilderbuchblondinen rummacht; eine Lesbe, deren heimliche Liebe das Geschlecht wechseln will; ein Homosexueller, der es – einmal in Fahrt gekommen – zur Not auch mit einer Frau macht, wenn sie denn wenigstens wie ein Typ aussieht: Die Romeos heutiger Tage, so macht Sabine Bernardis Debütfilm deutlich, sind von weitaus grundsätzlicheren Problemen geplagt als noch ihr literarischer Namensgeber derer Montague. Um nämlich überhaupt erst einmal Liebe ausleben zu können, braucht es nicht nur eine bestimmte sexuelle Orientierung, sondern auch Mut und Überzeugung, zu dieser zu stehen, wenn sie nicht dem mehrheitlich gelebten Modell entspricht. Fast alle Figuren des Films eint diese gesellschaftliche Herausforderung – und doch verhalten sie selbst sich untereinander oft nicht weniger intolerant als ihr Umfeld. Entsprechend wild also wirbelt Sabine Bernardi die Geschlechterbilder durcheinander, und dies, ohne daß etwa die anfangs beschriebene Figurenkonstellation als aufgesetzt und bemüht erscheint (so wie man das aus den langweiligen Tatorten kennt, in denen das spezielle Episoden- Milieu möglichst mikrokosmisch durch alle Figuren und Settings dekliniert wird). Das erstaunt umso mehr, stellt man fest, daß Romeos letztlich auch nur die Variation eines absolut universellen Themas ist, der Selbstakzeptanz. Daß der Film nicht beliebig wirkt in der Masse konventionell gestrickter Ware diesen Zuschnitts, liegt dann weniger am selten erzählten Milieu, also dem Transsexuellen, der sich in einen schwulen Mann verliebt, dem aber nicht die Wahrheit über sich erzählen mag. Vielmehr ragt Romeos durch seine narrative Form heraus, die den Zuschauer nicht von vorn herein in die Komplizenschaft nimmt, sondern ihm seinen Standpunkt läßt – ihn sozusagen einlädt, ohne ihn abzuholen, um es auf Neumediendeutsch zu sagen. Formal schließlich überzeugt der fein montierte Romeos nicht zuletzt wegen seiner kölschklischeefreien Inszenierung Köln- Ehrenfelds, mit der sich die Macher den Ort perfekt zu Figuren und Atmosphäre modellieren. 2011-12-01 16:43

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #64.
© 2012, Schnitt Online

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