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Die Reise des Personalmanagers

The Human Resources Manager. IL/D/F 2010. R: Eran Riklis. B: Noah Stollman. K: Rainer Klausmann. S: Tova Asher. M: Cyril Morin. P: 2-Team Productions, EZ Films, Pie Films. D: Mark Ivanir, Reymond Amsalem, Gila Almagor, Guri Alfi, Julian Negulesco, Bogdan E. Stanoevitch, Rosina Kambus, Papil Panduru u.a.
103 Min. Alamode ab 1.12.11

Yulia im Niemandsland

Von Christian Simon Zugegeben, der schrullige Kleinbus ist blau, nicht gelb, und es ist auch kein kaputter VW Bulli, sondern ein altes sowjetisches Modell. Doch eine gewisse Ähnlichkeit der Filme drängt sich bereits bei Betrachtung ihrer Plakate auf. Zumindest oberflächlich und in weniger satten Farben bestätigt sich dies im Verlauf der Handlung: Die Reise des Personalmanagers ist wie der gut fünf Jahre ältere Little Miss Sunshine ein Road Trip mit viel schwarzem Humor, beschäftigt sich mit einem zu transportierenden Sarg und einer Gruppe von Menschen am Rande der Verzweiflung. Und es gibt diesen Gag mit der Person, die immer vergessen wird. Dabei beginnt Die Reise des Personalmanagers eigentlich als ein ganz anderer Film.

In den ersten dreißig Minuten ist das jüngste Werk von Eran Riklis – Regisseur von Lemon Tree und Die syrische Braut – eine kritische Annäherung an die Verhältnisse in einer Großbäckerei in Jerusalem und thematisiert hierbei die Anonymität der Massenbetriebe sowie die Rolle der Sensationsmedien. Nach und nach erfährt man durch die Arbeit eines namenlosen Personalverantwortlichen, was überhaupt passiert ist: Bei einem Selbstmordanschlag starb die Gastarbeiterin Yulia. Eine Woche lang blieb sie nicht identifiziert in der G erichtsmedizin, bis man einen Lohnscheck der Großbäckerei bei ihr fand. Als eine Zeitung über den Vorfall berichtet, wird der Personalmanager beauftragt, den Imageschaden zu korrigieren und den Sarg in Yulias Heimatland zu überführen.

Es scheint unmöglich, aus dieser Ausgangslage ein skurriles Road Movie mit zulässigem Little Miss Sunshine-Vergleich zu konstruieren. Doch es ist, als lege der Film nach dem ersten Drittel einfach einen Schalter um. Das undurchsichtige Portrait des Personalmanagers, der seinen Bürojob haßt, mitten in einer Scheidung steckt und den Schulausflug seiner Tochter verpaßt, knickt ein wie ein Strohhalm, ziemlich genau in dem Moment, in dem der Sarg einer ermordeten, zu Lebzeiten ausgebeuteten Gastarbeiterin auf das Dach eines kleinen blauen Busses geschnallt wird.

Die Reise durch das vereiste, namenlose Land in der ehemaligen Sowjetunion ist auch eine Reise der namenlosen Figuren; die einzige, deren Name genannt wird, ist die Tote. Dem Genre gemäß findet der Personalmanager auf seiner PR-Reise wider Willen einige Weggefährten wider Willen; den Sohn, den Reporter, den Konsul. Unstrittig, sie repräsentieren Stereotype, sie spiegeln die Gesellschaft, wobei nicht ganz klar ist, welche eigentlich. Doch ist der schematische Umgang mit den Figuren der Schlüssel zur erzählerischen Konstruktion des Road Movies. So schwimmt Kritisches nach dem Auftaktdrittel weiter im Subtext der Handlung, schwappt hier und da in die Dialoge, wobei jede Geisteshaltung zu Massenproduktion, Publicity oder Korruption immer auch in ihr Gegenteil verkehrt wird. Es sind Diskussionen, die sich gegenseitig aufheben, nach deren Für und Wider jedoch nichts im Lot scheint. So schildert Die Reise des Personalmanagers den fortwährenden Kampf einer Handvoll umherirrender Sargträger, dem Leben einen Sinn abzuringen, und ihr Bemühen, dem steten Zerfall alles Lebenden nicht mit Apathie zu begegnen. Eran Riklis beschreibt dies in schlichten Bildern und mit schnörkelloser Kamera, was die Trostlosigkeit der farblosen Kulisse gut einfängt. Auf diese Weise scheint das dramaturgisch Unmögliche am Ende nur konsequent: die Flucht nach vorn, aus der individuellen Machtlosigkeit geradeaus ins Absurde.

Durch die Stereotypisierung ihrer Helden mag die Handlung die eigene erzählerische Formel nicht verbergen, was eine gewisse Vorhersagbarkeit der Ereignisse nach sich zieht, auch weil Riklis etwas zu offensichtlich nach der Menschlichkeit als allgemeingültige Antwort sucht, die irgendwo in der wortkargen Gruppe – und vor allem in ihrem Protagonisten – auf Erweckung hofft. Die Reise des Personalmanagers findet hier letztlich nicht nur die große Geste, sondern seine einzig klaren Worte. Doch das, was unausgesprochen und der Interpretation überlassen bleibt, Schuld, Verantwortung und der Fortgang der Geschichte, provoziert Fragen: Was verbirgt sich wirklich hinter den Andeutungen? Ist dort überhaupt etwas? Oder schreit da nur eine Stimme im eigenen Kopf gegen die Vergänglichkeit an? Immerhin, dieser andere Film mit dem gelben Kleinbus hatte die nicht. 2011-11-26 13:13

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