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London Boulevard

GB/USA 2010. R,B: William Monahan. K: Chris Menges. S: Dody Dorn, Robb Sullivan. M: Sergio Pizzorno. P: GK Films, Henceforth, Projection Pictures u.a. D: Colin Farrell, Keira Knightley, David Thewlis, Anna Friel, Ben Chaplin, Ray Winstone, Eddie Marsan, Sanjeev Bhaskar u.a.
107 Min. Wild Bunch ab 1.12.11

Boulevard of Broken Dreams

Von Daniel Bickermann Zahlreiche Filmphilosophen (und nicht zuletzt Boris Groys in seinem Text zur Philosophie der Matrix hier im Schnitt-Magazin), haben sich mit der Trennung bzw. Wiederzusammenführung von Körper und Geist einer Filmfigur beschäftigt. Während dieses Konzept im asiatischen Raum durchaus zu den Standards der Transzendenz gehört und entsprechend häufig als Versatzstück beispielsweise in Kung-Fu-Filmen auftaucht, brauchte es im Westen, wo Körper und Geist in jahrhundertelanger christlicher Tradition streng getrennt gehalten wurden, schon Ausflüge in den Cyberspace, um einen Helden endlich Körper und Geist verschmelzen zu lassen und ihm so wahre Unsterblichkeit zu schenken.

William Monahan findet in London Boulevard eine überraschende Abkürzung für das jahrelange Zen-Training, um diesen Zustand zu erreichen. Er stellt uns eine skurrile Filmfigur vor, einen abgehalfterten, erfolglosen Schauspieler, von David Thewlis im Bademantel wunderbar divenhaft portraitiert, der in einem Moment schockierender Klarheit, als die Hauptfigur ihn fragt, was er von Waffen hält, ohne ein Wimpernzucken antwortet: »Ich bin ein Schauspieler. Ich kann von Sachen halten, was ich will.« Folglich wird er mordend und drohend durch den Film ziehen, mit einer Entschlossenheit, die selbst gestandene Gangster und Cops erschreckt: Ein Mann, der alles sein kann, was er will, der jede denkbare moralische Identität annehmen kann, ist praktisch unaufhaltbar. Man hat viele Schauspieler-Figuren im Film gesehen, schwache und starke, eingebildete und bescheidene, kluge und dumme, aber diese mörderisch-moralfreie Facette ist ebenso originell wie erschreckend.

Daß dieser schillernde, überraschende und profunde Charakter nur eine Nebenfigur im Film ist, ist typisch für dieses insgesamt mehr als solide Genre-Werk. Monahan, bisher vor allem als Autor für harte Männerfilme wie The Departed oder Der Mann, der niemals lebte aufgefallen, hat von Ken Bruens Hardboiled-Roman vor allem die wunderbaren Nebenfiguren, die atmosphärischen Details und komplexen Hintergründe gerettet, die sonst bei Literaturverfilmungen häufig zugunsten einer falsch verstandenen Ökonomie geopfert werden. Im Hauptplot dagegen wärmt der Film den beinahe zu Tode abgespulten Garn vom sympathischen, eben freigelassenen Gangster nochmal auf, der sauber bleiben will, aber wieder in die Unterwelt reingezogen wird. Colin Farrell leistet ihm in dieser undankbaren Klischeerolle denkbar gute Dienste, aber die eigentlichen Gründe, diesen Film zu sehen, liegen an den bunten, ausgefransten Rändern und Details der Geschichte. Der von Keira Knightley als halbglamouröses Reh gespielte Filmstar (»Gäbe es Monica Bellucci nicht, wäre sie die meistvergewaltigte Frau im europäischen Arthouse-Kino«, gibt Thewlis trocken zu Protokoll) beispielsweise gibt dem Thema des Gejagtwerdens und dem vergeblichen Ausbruchsversuch aus den von außen vorgegebenen Rollenbildern eine interessante zweite Ebene; aber es ist vor allem besagter Thewlis und auch Ray Winstone, die hier mit ungewohnten Rolleninterpretationen überraschen dürfen. Winstone, der in Sexy Beast prinzipiell die gleiche Geschichte vom unwilligen Gangster schon mal als Hauptfigur gespielt hat, wechselt hier sehr effektiv auf die andere Seite und gibt nun selbst den finsteren Gangsterboß, der das Wort »Nein« nicht in seinem Vokabelschatz finden kann. Seine Szenen mit Farrell sind so begeisternd, weil sie den Film beinahe zu einer Antagonisten-Lovestory kippen lassen: Hier treffen zwischen all den Handlangern und Pushern und Schlägern zwei echte Männer aufeinander, und sie erkennen sich sofort als Gleiche. Und plötzlich müssen sie nicht schreien und schießen und drohen, sondern reden sehr ruhig über Moral und Schuld und Tod, stets im festen Bewußtsein, daß diese Worte gefährlicher sind als all die wilden Gesten und Drohgebärden vorher.

Wer also einen weiteren Eintrag in die von Guy Ritchie losgetretene britischen Gangsterfilmreihe ironischer Prägung erwartet, wird von dem Einfallsreichtum und der ernsthaften Wucht überrascht sein. Monahan hat einen Oldtimer von einem Film gedreht, dessen Titel nicht zu Unrecht auf die Schwarze Serie anspielt, und von dem man dachte, daß solche Filme nicht mehr gemacht werden: verbissen, realistisch, brutal und eiskalt, zugleich aber auch poetisch und geradezu hoffnungslos romantisch. Wie bei jedem guten Neo-Noir geht es um die Loyalität in den untersten Schichten der Gesellschaft, um die Ehre der Verlierer, um Männer, die ohne Not Nonnen beschützen oder sich mit Pennern anfreunden oder verrückten Frauen helfen, einfach weil ihr Kodex es nicht anders zuläßt. Und wie in jedem guten Noir-Film stellen diese Männer fest, daß ihre Zeit abgelaufen und ihr Kodex in einer amoralischen Welt ohne jede Bedeutung ist. Als die Hauptfigur am Grab seines einzigen Freundes steht und der Priester ihn fragt, ob er irgendwelche letzten Worte sagen will, erwidert er durch zusammengebissene Zähne: »Yeah. We're all fucked.« Die letzten Bilder zu diesen letzten Worten gehören dankbarerweise dem Schauspieler, dessen Körper und Geist zu einem geworden sind, und wie einst bei Butch Cassidy und dem Sundance Kid bricht die Erzählung gerade früh genug ab, um zu verstehen, daß er in der Tat unsterblich geworden ist. 2011-11-25 12:49
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