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Anduni – Fremde Heimat

D/L 2010. R: Samira Radsi. B: Karin Kaci. K: Matthias Fleischer. S: Thierry Faber. M: Dürbeck & Dohmen. P: Elsani Film, PTD Studio Luxembourg. D: Irina Potapenko, Florian Lukas, Tilo Prückner, Berrin Alganer-Lenz, Özay Fecht, Günay Köse, Nursel Köse, Peter Millowitsch u.a.
91 Min. Filmlichter ab 1.12.11

Hier und anderswo

Von Susan Noll Man kann einem Film ganz einfach eine melancholische Richtung geben, wenn man unter den eigentlichen Titel noch einen Zusatz hängt, der da lautet: Fremde Heimat. Das klingt schwer, wie die Musik, die sich am Anfang über das Bild einer jungen Frau legt, die angestrengt einen verlassenen Berg in einer fernen Landschaft besteigt und dabei immer wieder in den Himmel blinzelt. Auch der Anstieg ist beschwerlich, sie scheint hier eine Aufgabe auszuführen, die aus noch mehr besteht als bloß diesem Anstieg, die ein Symbol für etwas ist. Die nächste Sequenz bricht abrupt mit dieser Schwere, als sich ein junges Paar scherzhaft durch seine Wohnung jagt, er mit einer Fellmütze auf dem Kopf, sie sich vor Lachen krümmend. In diesen Bildern liegt Unbeschwertheit, Glück und Lebenslust, aber kaum der Eindruck, daß jemand noch nicht angekommen ist. Dann blättert sich das Bild von diesen zwei jungen Menschen nach und nach auf: Die junge Frau heißt Belinda, sie ist Studentin und sie hat einen Migrationshintergrund, wie man heute so schön sagt.

Daß dies aber mehr ist als ihr Hintergrund, mehr als nur eine Geschichte im Rücken, vor der sie sich bewegt, wird deutlich als ihr Vater stirbt und die Familie noch enger zusammenrückt als sie es ohnehin schon war. Plötzlich ist Belinda nicht mehr nur Linda, die Studentin, die das ganz normale Leben einer jungen Frau in Mitteleuropa führt, sie ist eben auch die Tochter von Armeniern aus der Türkei, die seit langer Zeit in Deutschland leben. Und die Lebensweise dieser Familie prägt Belinda mehr als sie möchte, denn so sehr sie versucht, sich von den Traditionen und Zwängen zu befreien, desto mehr muß sie auch einsehen, daß ihr der enge Zusammenhalt und die Unterstützung auch irgendwie Halt geben, ihr eine Richtung aufzeigen. Denn in ihrem Studium ist Belinda schon lange orientierungslos. Daß ihr Freund Manuel noch einmal zu studieren anfangen und dazu aus Köln wegziehen will, führt ihr vor Augen, daß sie sich selbst auch entscheiden muß, wo sie hinund irgendwann ankommen möchte. »Das verstehst du nicht«, sagt sie als Ausflucht und doch versteht er sie manchmal besser als sie sich selbst. Und natürlich fordert er, daß er vor ihrer Familie nicht immer nur als der Kollege von der Uni vorgestellt wird.

Es herrscht Heimatlosigkeit an allen Ecken in diesem Film. Die Jungen haben Zukunftsangst, die Alten sehnen sich nach ihrem Land und ihrer Kultur. Es wird viel angesprochen in kleinen Szenen: Der Wunsch nach Selbstbestimmung, den Belindas Cousine für ihre Heirat aufgeben mußte. Die Unterdrückung der armenischen Kultur durch die Türken. Die Frage, was man mit seinem Leben anfangen will, wenn das Studium zu Ende ist. Belinda und mit ihr die Erzählung bewegen sich mit wenig Orientierung durch diese Fragen, doch schaffen sie es dank genauer Beobachtung und nachvollziehbar agierender Darsteller, ihrer Gefühlswelt einen authentischen Ausdruck zu verleihen. Da steht am Ende eben keine Lösung parat, sondern die Frage: »Was machen wir nur?«. So wie es oft ist für junge Menschen heutzutage, hier und anderswo. 2011-11-25 08:39

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