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The Ballad of Genesis and Lady Jaye

USA/D/GB/NL/B/F 2011. R,K,S: Marie Losier. S: Marc Vives. M: Bryin Dall.
75 Min. Arsenal Institut ab 24.11.11

Zwei Körper ohne Theorie

Von Matthias Wannhoff Der Titel führt in die Irre: Marie Losiers Dokumentarfilm-Debüt The Ballad of Genesis and Lady Jaye ist keine Ballade, sondern tritt – einer gewissen Freude am visuellen Experiment zum Trotz – ausgesprochen nüchtern und im Plauderton vors Publikum. Dies ist mit Blick auf den Gegenstand durchaus überraschend. Denn im Mittelpunkt steht das kuriose Leben des Genesis Breyer P-Orridge, der in den 1970er Jahren als Kopf der Band Throbbing Gristle wesentlich am Entstehen der Industrial Music beteiligt war – in einer Zeit mithin, wo ein gepiercter Penis auf der Bühne noch unzweideutig Provokation bedeutete. Losiers Methode, die anderswo übel aufstoßen würde, hat daher System: Wenn das Breyersche Homevideo- Archiv kein Material mehr hergibt, wirft sich Genesis schnell in Schale und spielt die Stationen seines bewegten Lebens nach – warum auch nicht, wenn das Selbst ohnehin längst in der Kunstfigur aufgegangen ist? Der Rückblick auf eine bizarre Vergangenheit zwischen Drogen, Sex und einer gerade aufblühenden Subkultur hat jedenfalls seinen Reiz.

Wäre da nicht jene einschneidende Episode im Leben des Musikers, um deren Skandalisierung sich Losier tapfer drückt und an der doch alles hängt: In den 1990er Jahren begannen Genesis und seine (2007 verstorbene) Frau Lady Jaye, ihre Körper mittels plastischer Chirurgie einander anzugleichen. Dieses Projekt jedoch, von den Breyers »Pandrogynismus« genannt, bleibt den gesamten Film über blaß – einfach weil dieser so tut, als handle es sich dabei um eine Kuriosität unter vielen. Sicher, ein Dokumentarfilm ist kein theoretisches Traktat, doch liegt es in seiner Macht, die richtigen Fragen zu stellen. Eine davon hätte sein können, warum ausgerechnet die spiegelbildliche Symbiose den ultimativen Liebesbeweis kodieren soll (genauso gut könnte an dessen Stelle ja eine, sagen wir mal, narzißtische Störung stehen). Vielleicht wäre ein Portrait, das auf den Künstler Genesis Breyer P-Orridge fokussiert, das bessere, wenn auch billigere Vorhaben gewesen. Denn wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man auch keine Filme drehen. 2011-11-21 08:37

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #64.
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