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Der Fall Chodorkowski

D 2010. R,B,K,S: Cyril Tuschi. K: Peter Dörfler, Franz Koch, Eugen Schlegel. S: Salome Machaidze. P: LaLa Films.
111 Min. Farbfilm ab 17.11.11

Citizen Chodorkowski

Von Asokan Nirmalarajah Die Fakten sind bekannt, die eigentliche Geschichte dahinter aber noch nicht erzählt. So begann damals Orson Welles’ Citizen Kane (1941), ein stark fiktionalisiertes Porträt des amerikanischen Medien- Tycoons William Randolph Hearst, und so beginnt auch Der Fall Chodorkowski, das Dokumentarfilmdebüt des deutsch-russischen Filmemachers Cyril Tuschi. Während sich in dem berühmten Drama über Aufstieg und Fall eines umstrittenen Milliardärs ein gesichtsloser Journalist aufmacht, um Klarheit über das mysteriöse letzte Wort der Titelfigur Charles Foster Kane zu gewinnen, ist es hier Tuschi selbst, der sich in seinem ebenso packenden wie informativen Film als investigativer Journalist in Szene setzt. Ohne in die mitunter narzißtischen Selbstinszenierungen erfolgreicher Fachkollegen (Nick Broomfield, Michael Moore, Morgan Spurlock) abzugleiten, geht er über fast zwei Stunden Spielzeit weniger der Frage nach, warum seine Titelfigur Mikhail Chodorkowski, einst Besitzer der russischen Ölfirma Yukos und reichster Unter-40jähriger der Welt, seit 2003 im Gefängnis sitzt. Seine Leitfrage ist vielmehr, warum sich einer der kreativsten und politisch progressiven Köpfe des modernen Rußlands freiwillig der Justiz stellte.

Am 25. Oktober des Jahres 2003 wurde der schwerreiche Öl- Milliardär Chodorkowski in seinem Privatjet von einer russischen Spezialeinheit festgenommen, als er einen Zwischenstop in Nowosibirsk machte. Die anschließende Inhaftierung in Moskau und die Beschuldigung, der für seinen Geschäftssinn hoch angesehene Oligarch hätte sich der Unterschlagung und Steuerhinterziehung gegenüber dem russischen Staat schuldig gemacht, sorgten weltweit für Schlagzeilen. Dabei stand für westliche Medien vor allem die Frage im Raum, ob es sich bei Chodorkowski tatsächlich um einen Kriminellen handele oder ob doch die politischen Motive des damaligen Präsidenten Wladimir Putin ausschlaggebend waren, da der einflußreiche Geschäftsmann zunehmend die Regierung kritisierte und sich für die Opposition und für den Westen starkmachte. Tuschi ist, bei aller lobenswerter Neutralität gegenüber den Beteiligten und bei aller Klarheit in seiner sehr unterhaltsamen Präsentation der über fünf Jahre angesammelten Informationen, Positionen und Widersprüche zu dem Fall, nicht wenig fasziniert von seinem komplexen, widersprüchlichen Protagonisten. Nach einer imposanten Anfangseinstellung, in der sich die Kamera in hypnotisch-meditativer Langsamkeit einmal um sich selbst dreht und die endlosen Weiten eines verschneiten Ölfelds einfängt, reiht der Regisseur Interviews mit Zeitzeugen aneinander, verliert sich in Archivaufnahmen rund um Chodorkowski und taucht auf, um dramatische Momente als Schwarzweiß-Animationen zu inszenieren. Das ist abwechslungsreich und informativ, aber leider auch etwas unstrukturiert. Eine deutlichere, weniger ehrfürchtige Position des engagierten Filmemachers gegenüber seinem charismatischen Subjekt hätte wohl für die nötige Strenge in Dramaturgie und Inszenierung gesorgt. 2011-11-14 06:52

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