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Submarine

GB 2010. R,B: Richard Ayoade. K: Erik Wilson. S: Chris Dickens, Nick Fenton. M: Andrew Hewitt. P: Warp Films, Film4, Red Hour Films. D: Noah Taylor, Paddy Considine, Craig Roberts, Yasmin Paige, Sally Hawkins, Darren Evans, Osian Cai Dulais, Lily McCann u.a.
94 Min. Kool ab 17.11.11

Das Beste aus beiden Welten

Von Heiko Martens Regisseur Richard Ayoade sieht seine Hauptfigur Oliver Tate in einer Reihe mit Travis Bickle, dem Taxi Driver, dem Robert De Niro einen stilvollen Irokesenschnitt verpasste: mit dem Unterschied, daß Oliver Tate 15 Jahre alt sei und keinen Zugang zu Waffen besitze. Dies mutet eher wie eine Aussage an, die hehre Vergleiche allein aus Marketingzwecken ziehen will oder aber auf einem Mißverständnis beruht. Selbst wenn Oliver Tate Waffen besäße – man muß arg bezweifeln, daß ein Amokläufer in ihm steckt. Ganz so schlimm ist es dann aber doch nicht.

Dennoch ist Oliver vom Leben gebeutelt – wobei die Ansichten, die er uns aus dem Off erzählt, wesentlich dazu beitragen. Oliver ist auf naive Weise narzißtisch, emotional unaufgeräumt und pragmatisch bis hin zum Zynismus. Über das Leben zu reflektieren führt bei Oliver nicht zu frühreifer Weisheit, sondern zu altklugen Schnellschüssen. Nicht ungewöhnlich für einen 15jährigen – wie uns Craig Roberts diese Figur mit großen Anleihen an Harold aus Harold und Maude präsentiert, ist in dieser Kombination jedoch allemal einen Film wert.

Da schmerzt es nicht, wenn die Probleme, mit denen die Außenwelt für Oliver aufwartet, recht überschaubar sind. Auch hier entscheidet das Wie.

Daß die Ehe von Olivers Eltern eingeschlafen ist – so exquisit nicht. Sein depressiver Vater (Noah Taylor) läuft durchs Familienleben wie ein Einsiedler auf Valium. Seine Mutter (Sally Hawkins) sorgt vor allem durch Wegschweigen dafür, daß im Zwischenmenschlichen nichts explodiert. Das zweite Problemfeld für Oliver ist die Schule. Hier gehört er eher zu den Gemobbten als zu den Klassentyrannen – hat aber auch keine Hemmungen, im Bedarfsfall die Seiten zu wechseln. Und natürlich trifft er hier auch regelmäßig seine große Liebe Jordana (Yasmin Paige), die mindestens ebenso verschroben ist wie er – und deswegen, zumindest aus Olivers Sicht, zu ihm paßt wie der Deckel auf den Topf.

Zwei Welten also, die mit ihren Herausforderungen Oliver bis an seine Grenzen treiben. Der neue Nachbar Graham (Paddy Considine), ein Verflossener der Mutter und jenseits der Lächerlichkeitsgrenzen changierender Selbstfindungsprediger, stellt die Ehe von Olivers Eltern auf die Probe – just in dem Moment, als die Sache mit Schulfreundin Jordana so richtig ins Rollen kommt.

Submarine basiert auf dem gleichnamigen Roman von Joe Dunthorne (dt. »Ich, Oliver Tate«), der das Heranwachsen Olivers in einem kleinen walisischen Kaff mit viel Grausamkeit und Witz erzählt. Das Debut bekam in der Heimat einen Literaturpreis. Die Filmrechte zur Geschichte waren bereits vor der Veröffentlichung verkauft. Dunthorne hat auch bei der Erstellung des Drehbuchs mitgewirkt, sodaß Kleinigkeiten wie auch die große Linie aus dem Buch herübergerettet wurden. Auch die Authentizität der Geschichte hat unter dieser Mitwirkung vermutlich nicht gelitten.

Regisseur Ayoade, vielen wohl eher bekannt als Moss aus The IT Crowd, hat nach einigen TV-Arbeiten und Videoclips mit Submarine seinen ersten Kinofilm gewuppt. Hierbei nimmt er die Vorkenntnisse aus beiden Bereichen ernst. Bei den Figuren ist er ganz, wenn er die Inszenierung profan hält. Charmant eingeflochtene Videoclip- Spielereien lockern die Form behutsam auf, ohne Fluß oder Tonfall zu stören. Daß Ayoade ein Musikvideo der nordenglischen Arctic Monkeys inszeniert hat, ist in diesem Kontext nur ein Detail: Alex Turner, Sänger und Gitarrist der Band, trägt einige extra komponierte Songs zum Soundtrack bei, die im Film in Form einer Musikkassette (!) von Vater an den Sohn übergeben werden – Seite A zum Verführen der neuen Freundin, Seite B für wenn Schluß ist.

Vor allem aber kann sich Ayoade auf viele schöne Details, die das Buch parat hält, verlassen, ebenso wie auf ein stilsicher agierendes Ensemble, das bei keiner Figur Schwäche zeigt. Im Gegenteil: Was die Schauspieler hier bieten, ist an Understatement und Timing streckenweise schwerlich zu überbieten. Damit ist noch kein Allzeit- Klassiker wie Taxi Driver oder Harold und Maude geschaffen – sicher aber eine der besten, weil trotz aller Antiheld-Attitüde einfühlsamsten Coming-of-Age-Geschichten der letzten Jahre. 2011-11-11 14:42

Abdruck

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