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Fenster zum Sommer

D/FIN 2011. R,B: Hendrik Handloegten. K: Peter Przybylski. S: Elena Bromund. M: Timo Hietala. P: Zentropa Entertainments Berlin, day-for-night Maria Köpf Filmproduktion. D: Nina Hoss, Mark Waschke, Lars Eidinger, Fritzi Haberlandt, Lasse Stadelmann, Christoph Bach, Susanne Wolff, Barbara Philipp u.a.
96 Min. Prokino ab 3.11.11

Im Sturz durch Raum und Zeit

Von Susan Noll Fenster zum Sommer kommt nicht zur rechten Zeit ins Kino, schließlich haben wir fast Winter und die Temperaturen fallen stetig. Ganz im Gegensatz dazu der Beginn des Films von Hendrik Handloegten, der ein junges Paar, Juliane und August, inmitten einer idyllischen Sommerlandschaft zeigt. Es ist Finnland, in das die beiden Frischverliebten gereist sind, um Julianes Vater einen Besuch abzustatten. Sie verbringen den Abend an einem See und schlafen im Auto. Plötzlich ein Szenenwechsel: Juliane erwacht in ihrer Berliner Wohnung, es ist Winter. Was auf filmischer Ebene durchaus die Überbrückung eines Zeitabschnitts darstellen kann, entpuppt sich für Juliane als Schrecken, der ihr die Zeit gestohlen hat. Vom einen auf den anderen Tag hat es sie in die Vergangenheit verschlagen, in der sie weder in Finnland noch mit August zusammen ist. Verzweifelt und erschüttert sucht sie nach Orientierung, nach einem Anhaltspunkt und stolpert verstört durch eine Welt, die sie schon ein halbes Jahr zurückliegen glaubte. So sehr Juliane auch hofft, daß das alles nur ein schlechter Traum ist, so ernst muß sie sich dann doch dessen gewahr werden, daß sie sich in der Wirklichkeit, in ihrem Hier und Jetzt befindet. In dieser Gegenwart lebt sie mit einem anderen Mann zusammen, mit Philipp, mit dem sie seit neun Jahren eine Beziehung führt. Doch irgendetwas kann hier nicht stimmen, denn Juliane weiß, daß ihr Urlaub in Finnland kein Traum war, sondern echt.

Irgendetwas kann auch in diesem Film nicht stimmen. Nicht, daß er mit Zeit und Raum spielt, was per se ein filmisches Thema ist und viel Platz zur ästhetischen und narrativen Gestaltung bieten würde. Es ist die Geschichte, an der es hapert. Wie Juliane stolpert auch der Zuschauer orientierungslos durch eine Handlung, die sich selbst nicht richtig entscheiden kann, wo sie hin will. Es ist die Liebesgeschichte einer Frau, die ihren zukünftigen Freund erst noch kennen lernen muß, aber jetzt schon weiß, daß er einmal ihr Freund werden wird. Es ist die Trennungsgeschichte eines Paares, das aus Gründen, die nicht in aller Klarheit deutlich werden, nicht mehr zusammen leben kann. Es ist eine Geschichte über das Schicksal und den Mut, das Leben selbst in die Hand zu nehmen, außerdem noch eine Geschichte über Arbeitsalltag, einsame Frauenherzen – in Form einer überdrehten, aber sehr unterhaltsamen Fritzi Haberlandt – und versteckte Wünsche. Alles Zutaten zu einem guten Film, aber in Fenster zum Sommer leider zu lose und unstrukturiert angeordnet. Gerade zu Beginn des Films ist die Fülle an Dingen, die angesprochen werden, so groß, daß man die Verzweifelung der Protagonistin, die aus dem ruhigen Sommerurlaub wieder in ihrem chaotischen Leben gelandet ist, sehr gut nachvollziehen kann. Ansonsten bleibt die Figur der Juliane – manchmal etwas verbittert und hart gespielt von Nina Hoss, aber dann auch wieder emotional, wie sie es schon in ähnlichen Rollen in Yella und Leben mit Hannah gezeigt hat – unnahbar. Erst gegen Ende kommen Film und Hauptfigur in Schwung, werden deutlichere Erzählmuster erkennbar, an die man eine Bedeutung knüpfen kann. Julianes Erinnerungsproblem wird zum Glück nicht zu einer Krankengeschichte ausgewalzt, das hätte dem Film jegliche Atmosphäre genommen. Ihr Schicksal bleibt vielmehr eine Sache des Herzens, nicht des Verstands. Daß sich am Ende doch alles etwas zu vorhersehbar auflöst, ist dann letztendlich nur konsequent und auch irgendwie schicksalhaft für diesen Film, der seinem Thema an einigen Stellen zu schnell zu viel abverlangen will. 2011-11-07 15:28
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