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Auf der Suche

D/F 2011. R,B: Jan Krüger. K: Bernadette Paasen. S: Natali Barrey. M: Birger Clausen. P: Schramm Film Koerner + Weber, Neon Production. D: Corinna Harfouch, Nico Rogner, Trystan Pütter, Valerie Leroy, Mehdi Dehbi, Mireille Perrier, Geraldine Loup, Dominique Ratonnat u.a.
88 Min. Salzgeber ab 10.11.11

Neben der Spur

Von Dominik Bühler Auf Reisen findet der Mensch zu sich. In Jan Krügers Filmen findet er meist auch zu anderen. Die Fremde bewegt die Beziehungen. Die Identitäten changieren. Man entfremdet oder befreundet sich. Nachdem die Figuren in Krügers vorigen Langfilmen in den Ferien waren, wird die Suche, auf der sie sich dabei immer auch befanden, im aktuellen Werk konkreter.

Valerie sucht ihren erwachsenen Sohn Simon, der sich – in Marseille lebend – eine Weile nicht gemeldet hat. Die besorgte Mutter reist in die fremde Stadt und bittet – des Französischen nicht mächtig – Jens, den kundigeren Exfreund ihres Sohnes herbei. Hier beginnt es. Jens sieht die Lage anders und das scheint nicht der einzige Konfliktpunkt zwischen den beiden zu sein. Parallel zur mäandernden Suche beginnt ein Spiel um die Deutungs- und Wertungsmacht über Simons Leben und den jeweiligen persönlichen Bezug zu dem Verschwundenen. Schnell wird deutlich, daß Simon den beiden nicht nur räumlich, sondern auch zwischenmenschlich abhanden gekommen ist. Was aber sind das für Menschen, die da umherfahren? Die Idee, die Biographie der beiden Suchenden weitgehend auszusparen und sie vornehmlich über die Suche und die Dynamik ihrer Begegnung zu definieren, ist interessant, sorgt aber nur partiell für Spannung. Obwohl die Protagonisten undurchsichtig und nicht unbedingt sympathisch angelegt sind, bieten sie immerhin je nach Lebensentwurf und Rolle im Mutter-Sohn-Konflikt ein gewisses Identifikationspotential. In einigen Momenten des Stillstands entsteht eine zwar verkrampfte, aber dennoch erleichternde Komik zwischen den Figuren, die sie lebendiger werden läßt. Letztlich haben sie aber zu wenige Entscheidungen zu treffen, wodurch die Entwicklung ihrer Beziehung ins Schlingern gerät. Die Handlung driftet mitunter unentschieden zwischen psychologischer Studie, atmosphärischem Verwirrspiel und stringenter Kriminalhandlung. Der Editorin Natali Barrey ist es zu verdanken, daß der Film dennoch nicht auseinanderfällt.

Die Raumhaltung des Films wird von Jan Krüger und der Bildgestalterin Bernadette Paaßen schlüssig an den Charakteren orientiert inszeniert. Die distanzierte Valerie – von Corinna Harfouch mit einer Verunsicherung ausgestattet, die tiefer zu sitzen scheint, als einzig in der Beziehung zu ihrem verlorenen Sohn – hat zunächst keinen Blick für ihre fremde Umgebung, die sie angesichts ihres Anliegens eigentlich aufmerksam beobachten sollte. Der hedonistische Jens läßt sich hingegen mehr ein auf Marseille und seine Rätsel. Bei einem Film allerdings, der die Motive der Suche und Fremde vor sich her trägt, wünscht man sich bisweilen eine klarere Hingabe zum Ort. Geographisch und historisch eine Transitstadt par excellence und zudem beliebte Kulisse französischer Kriminalfilme, ist Marseille ein perfekt gewählter Schauplatz. Gerade deshalb hätte es gut getan, die Stadt und ihre Bedeutung noch mehr in den Vordergrund zu rücken und sie aktiver als Figur in die Handlung zu integrieren. Vieles läßt an Antonionis L’Avventura und einige Filme der Berliner Schule denken, zu der Jan Krüger immer wieder – auch wegen des Transit-Motivs – gerechnet wird. Letztlich zeigt sich in Auf der Suche jedoch nicht das exzeptionelle Gespür für den Ort, das dort zu Tage tritt. Man muß nicht das grandiose In-Beziehung-setzen von Stadt und Figur erwarten, das Angela Schanelec mit ihrem Film Marseille gelingt. Es ist jedoch bedauerlich, daß sich Auf der Suche zwar mit dem Charakter der Stadt befaßt, der eng mit Bewegung und Ziellosigkeit verbunden ist, diesen aber zuweilen zu lange aus dem Blick verliert und die Stadt eher als leere Kulisse denn als lebendigen Ort nutzt.

Über weite Strecken fällt es nicht schwer, dem Film wohlwollend zu folgen, nach seinem Reiz sucht man allerdings lange vergebens. Gegen Ende – außerhalb von Marseille – entwickelt sich aber doch ein plötzlicher Sog. Zunächst verdichtet sich alles in einer verwirrenden Verfolgungsjagd, dann kulminieren die Möglichkeiten, die Freiheit und das Grandiose des Ortes in einer einzigen fantastischen Einstellung. In der Weite der Landschaft, im Blick auf den offenen Ozean und auf der Serpentine liegen sie und blitzen kurz auf: die Erwartungen und Hoffnungen, Befürchtungen und Spekulationen der Menschen – all das was sie in Bewegung hält. 2011-11-07 09:55

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