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Cheyenne – This Must Be the Place

This Must Be the Place. I/F/IRL 2011. R,B: Paolo Sorrentino. B: Umberto Contarello. K: Luca Bigazzi. S: Cristiano Travaglioli. M: David Byrne, Will Oldham. P: Indigo Film, Lucky Red, Arp, Element Pictures. D: Sean Penn, Frances McDormand, Judd Hirsch, Eve Hewson, Kerry Condon, Harry Dean Stanton, Joyce van Patten, David Byrne u.a.
118 Min. Delphi ab 10.11.11

Kalkulierte Kauzigkeit

Von Michael Kienzl Manchmal scheint es so, als würde sich Sean Penn seine Rollen nach ihrer Oscar- Kompatibilität aussuchen. Möglichst groß soll dabei die Verwandlung des Schauspielers sein und am meisten gefragt sind nach wie vor gesellschaftliche Außenseiter. So spielte Penn unter anderem einen zum Tode verurteilten Mörder, einen zurückgebliebenen Vater und einen schwulen Bürgerrechtler. Fast unnötig zu erwähnen, daß er für alle drei Filme für einen Oscar nominiert war und ihn für letztere Rolle auch bekommen hat. Und auch aktuell darf Penn wieder die hohe Kunst des manierierten Method Acting in einer für ihn typischen Rolle demonstrieren.

Cheyenne ist ein in die Jahre gekommener Gothic Rocker, der wie eine Mischung aus Robert Smith, Sänger der Band The Cure, und dem späten Ozzy Osbourne wirkt. Irgendwann in den achtziger Jahren hatte er mit seiner Band «Cheyenne and the Fellows« eine Menge Geld damit verdient, »depressive Musik für depressive Jugendliche« zu spielen. Heute lebt er auf einem riesigen Anwesen in Irland und leidet an Langeweile. Einzig sein Look erinnert noch an die goldenen Tage: Blaß gepudertes Gesicht, Lippenstift und schwarz gefärbtes Vogelnest auf dem Kopf. Bei seinen S paziergängen in die Stadt scheint ihm jeder Schritt unendliche Mühe zu bereiten. Wenn er mit debilem Blick durch die Straßen schlurft, bewegen sich eigentlich nur die Füße.

Nach seinem Erfolg mit dem satirischen Biopic Il Divo hat sich der Italiener Paolo Sorrentino nun mit Cheyenne – This Must Be the Place an seinen ersten englischsprachigen Film gewagt. Der Titel ist einem Song der Talking Heads entlehnt, der in verschiedenen Versionen zum Einsatz kommt. Ex-Frontmann David Byrne hat sogar einen Gastauftritt in dem Film. Einmal streitet sich Cheyenne mit einem kleinen Jungen darüber, ob das Original des Songs von den Talking Heads oder von Arcade Fire ist.

Eine Zeit lang zieht der Film seinen Reiz daraus, im Unklaren zu lassen, was er eigentlich erzählen möchte. Die erste halbe Stunde ist im Grunde eine melancholische Familienkomödie über den Alltag eines Rockers im Ruhestand. Dann schlägt Sorrentino aber plötzlich eine andere Richtung ein: Cheyenne muß nach Amerika, um seinen Vater zu beerdigen. Als er erfährt, daß der Verstorbene bis zuletzt auf der Suche nach einem SS-Offizier war, der ihn in Auschwitz malträtiert hat, geht nun Cheyenne auf Nazi-Jagd.

Es ist durchaus gewagt, in einer harmlosen Komödie plötzlich ein Motiv wie die Shoah zu verwenden. Doch Racheplot und Shoah ziehen die Handlung letztlich nur bedingt nach vorne. Vielmehr erkundet Sorrentino als Außenseiter Amerika und findet eine dekorative Kulisse vor. Ständig bewegt sich die Kamera elegant auf Objekte zu oder von ihnen weg. Während Cheyenne durch die verschiedenen Bundesstaaten fährt, ändern sich die Landschaft und das Klima. Ab und an dringt die Realität in diese stark stilisierte Welt ein. Mal hört man Obama im Off eine Rede halten, dann sieht man eine stumm geschaltete Sarah Palin auf einem Bildschirm im Hintergrund gestikulieren.

Es läßt sich nicht leugnen, daß die Begegnungen zwischen Cheyenne und den Menschen, denen er auf seiner Reise begegnet, mitunter komisch sind. Zum Beispiel, wenn der immer leicht abwesende Rocker seinem infantilen Humor freien Lauf läßt, einen Jungen beim Pingpong bescheißt oder neben einer Gruppe deutscher Touristen absichtlich durch eine schlammige Pfütze rast. Die meiste Zeit krankt Cheyenne – This Must Be the Place aber daran, seine möglichst skurrilen und possierlichen Figuren in ihrer Sonderbarkeit auszustellen. Darüber hinaus versucht Sorrentino immer wieder auf unheimlich bemühte Art, absurde Situationen zu schaffen. Einmal beobachtet Cheyenne heimlich die Ex-Frau des gesuchten Nazis, als ein alter Mann in einem Superheldenkostüm vorbeikommt und freundlich grüßt.

Am Ende ist der Film trotz heterogener Versatzstücke nur ein aus allen Poren menschelndes Road Movie. An jedem Ort wartet eine neue Figur, mit der sich ein sentimentales Gespräch über die großen Fragen des Lebens führen läßt. Und je weiter die Sinnsuche Cheyennes in den Vordergrund rückt, desto schwerer ist der Film zu ertragen. Was als Genre-Bastard Potential hatte, ist dann nur noch rührseliges, bedeutungsschwangeres Arthouse-Kino. 2011-11-07 08:58

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