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Meek’s Cutoff

USA 2010. R,S: Kelly Reichardt. B: Jonathan Raymond. K: Chris Blauvelt. M: Jeff Grace. P: Evenstar Films, Film Science, Harmony Productions, Primitive Nerd. D: Michelle Williams, Bruce Greenwood, Will Patton, Zoe Kazan, Paul Dano, Shirley Henderson, Neal Huff, Tommy Nelson u.a.
102 Min. Peripher ab 10.11.11

Raumgeschichten

Von Asokan Nirmalarajah Mit dem dritten Teil ihrer inoffiziellen »Oregon- Trilogie« – benannt nach dem westlichen Bundesstaat der USA, in dem bereits Old Joy (2006) und Wendy and Lucy (2008) spielten – wagt sich Independent-Ikone Kelly Reichardt erstmals auf fremdes Terrain. Handelte es sich bei ihren beiden von der Kritik gelobten Vorläufern um intime, zeitgenössische Charakterstudien nicht gesellschaftsfähiger Außenseiter vor mal betörender, mal unheimlicher Naturkulisse, ist Meek’s Cutoff umschlossen vom Genrekontext des Western. Basierend auf einem historischen Vorfall, der sich 1845 auf dem legendären Oregon Trail ereignete, schildert der Film mit einer minutiösen Detailverliebtheit den Alltag und Überlebenskampf einer kleinen Siedlergruppe, die unter der Führung zweier nicht sehr vertrauenswürdiger Fremdenführer ihrem sicheren Tod entgegenzusteuern scheint. Wie die trostlosen, psychologisch unangenehmen, doch humanistisch motivierten Roadmovies Old Joy und Wendy and Lucy besticht auch die dritte Kollaboration Reichardts mit dem Oregoner Autor Jonathan Raymond durch eine atmosphärisch dichte, stilistisch strenge Raumdarstellung, scheitert diesmal aber an schablonenhaften Figuren und prätentiöser Handlung.

Reichardt und Raymond, der bereits an den mit lebensechten Figuren und Dialogen gefüllten Drehbücher zu Old Joy und Wendy and Lucy mitschrieb, für die er auch die handlungsarmen Kurzgeschichtenvorlagen geliefert hatte, sind in den ersten Minuten ihres Films noch auf dem besten Weg, das einzulösen, wovon Kritiker schon seit den ersten Festivalauftritten im September letzten Jahres in Venedig und Toronto künden. Wie der andere große, unorthodoxe historische Western jüngerer Zeit, Paul Thomas Andersons formal majestätischer, wenn auch psychologisch holpriger There Will Be Blood (2007) versucht sich auch Meek’s Cutoff an einer Dekonstruktion des Genres durch eindringliche Vermittlung der brutalen, fast post-apokalyptischen materiellen Umgebung, durch die diese rastlosen Amerikaner irren. Und auch nachdem die mundfaulen bis überheblichen Figuren endlich begonnen haben, kaum vernehmbar über Religion und Familie, Gold und Wasser vor sich hinzumurmeln, ist man noch zu gebannt von der atemberaubenden visuellen und auditiven Umsetzung der Wüstenlandschaft Oregons, um an den recht offensichtlichen Vorgängen auf der narrativen Ebene oder den einseitig gestalteten Figuren Interesse zu finden.

Das protofeministische Manifest, das man sich von Jonathan Raymond, der dieses Jahr für Todd Haynes’ frauenzentrierten TV-Mehrteiler Mildred Pierce als Drehbuchautor mitverantwortlich zeichnete, und vom Werbeplakat zum Film, auf dem eine mit dem Gewehr hantierende Michelle Williams zu sehen ist, versprechen mag, löst Meek’s Cutoff nur sehr plakativ ein. Wie der ungelenke Handlungsstrang um den seltsamen Indianer, der sich den planlosen Migranten anschließt und bald ihre Führung übernimmt, ist der klassische Geschlechterkonflikt doch recht klischeebehaftet, ungeachtet der sehr behutsamen Inszenierung und der soliden Darstellerleistungen. Die Genrekonventionen des Western werden so weniger dekonstruiert als bestärkt: Obwohl man zur Identifikation mit den marginalisierten Frauen angeregt wird, die bei den Zusammenkünften der Männer stets abseits stehen müssen, ist die souveräne Heldin der Geschichte trotz Michelle Williams ebensowenig interessant wie der hyperviril auftretende Fremdenführer (zur Unkenntlichkeit verzottelt: Bruce Greenwood). Der in einer nicht untertitelten Fremdsprache vor sich hin brabbelnde Indianer bedient letztlich auch nur das Stereotyp eines exotisierten, edlen und weisen Wilden.

Die amerikanische Kritik behalf sich damit, die Lücken des Films in Sachen Handlungs- und Figurenentwicklung mit allegorischen Deutungen zu füllen. So sah man in der Geschichte eines weißen Cowboys, der einige amerikanische Familien in ein gefährliches Terrain führt, ohne zu wissen, wohin er geht, bis ein braunhäutiger Mann eine Kurskorrektur vornimmt, deren Erfolg auf sich warten läßt, Parallelen zur zeitgenössischen Politlandschaft der USA. Meek’s Cutoff markiere den Umbruch von Bush hin zu Obama als Führer der Nation. Das ist eine Lesart, die aber weniger die politische Aktualität als die Mehrdeutigkeit des gegen Ende immer mehr in eine alberne Mystik und bedeutungsschwangere Symbolik driftenden Films bezeugt. 2011-11-06 16:54

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