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Another Earth

USA 2011. R,B,K,S: Mike Cahill. B: Brit Marling. M: Fall On Your Sword. P: Artists Public Domain. D: William Mapother, Brit Marling, Jordan Baker, Flint Beverage, Robin Lord Taylor, Joseph A. Bove, Diane Ciesla, Matthew-Lee Erlbach u.a.
92 Min. Fox ab 10.11.11

Die Möglichkeit einer Erde

Von Andreas Strasser Hitchcock erklärte Truffaut einmal während eines groß angelegten Interviews, das später unter dem Titel »Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?« als Buch erschienen ist, was es mit dem kauzigen Wörtchen MacGuffin, einem von ihm selbst geprägten dramaturgischen Fachausdruck, auf sich habe. Es handle sich dabei, so Hitchcock, um ein beliebiges Objekt, das in einem Film dazu diene, die Handlung auszulösen oder voranzutreiben, ohne selbst von besonderem Interesse zu sein. Prominente Beispiele für derlei Objekte kennt man inzwischen zuhauf: das Schlüsselwort Rosebud aus Citizen Kane, das gestohlene Geld aus Psycho, der Teppich aus The Big Lebowski – MacGuffins wurden vor allem in Hitchcock- Filmen verwandt, machten aber auch darüber hinaus erfolgreich Karriere. Das führte gar dazu, daß ein slowenischer Philosoph unlängst gattungsübergreifend behauptete, der Ring, den Alberich in Wagners Oper »Der Ring der Nibelungen« schmiedet, sei der »größte MacGuffin aller Zeiten«. Humbug oder nicht, hier wurde die Rechnung ohne Mike Cahill gemacht, dessen mystischverträumter Film mit einem MacGuffin ganz besonderer Art aufwartet: nämlich einem Planeten. Und das ist wohl eine dramaturgische Besonderheit.

Ebendarum handelt es sich bei Another Earth auch nicht nur um einen Science- Fiction-Film, wie der erste Eindruck vermuten läßt, sondern um ein fabulöses Drama, das nach allen Regeln der Kunst gestrickt ist. Just in der Nacht, in der ein neuer Planet am Firmament aufscheint, verursacht die angetrunkene, junge Rhoda einen folgenschweren Verkehrsunfall, bei dem mehrere Menschen umkommen. Infolgedessen muß sie ins Gefängnis, und als sie Jahre später entlassen wird, ist sie ein Mensch, der an seinen Fehlern beinahe zerbrochen ist. Zu schwer lastet die Schuld auf ihr, als daß sie ein neues Leben anfangen könnte. Sie sucht den Kontakt zu John, dem Familienvater, dessen Frau und Kind sie bei dem Unfall getötet hat. Sie beginnt für ihn zu arbeiten, ohne daß er weiß, daß sie die Urheberin seines Unheils ist. Der neue Planet ist unterdessen gewachsen und die Menschheit wird nach und nach gewahr, daß er eine fast identische Kopie der Erde ist. Und das wirft natürlich existenzielle Fragen auf: Auf einer anderen, aber identischen Erde muß es doch auch ein anderes Ich geben. »There’s another you out there!« Hat dieses andere Ich dieselben Fehler begangen, fragt sich Rhoda. Sie nimmt an einem Preisausschreiben für eine Reise zum neuen Planeten teil: Für sie ist es eine Möglichkeit, mit der Schuld umzugehen, sie zu erforschen und sie möglicherweise aufzulösen.

Nun könnte man die akademische Interpretationsmaschine anwerfen: Da sprächen wir mit Freud über das Unheimliche, frügen mit Lacan, ob Ich tatsächlich ein Anderer ist und klopften die Filmgeschichte der vergangenen siebzig Jahre auf Doppelgängermotive ab. Man kann es aber auch sein lassen – zugunsten eines unverstellten Blickes auf grundsätzliche Erfahrungen, die der Film anspricht, auf Schuld, Sühne und Vergebung. Wie findet Rhoda einen Weg aus den emotionalen Tiefen ihres Traumas? Wie geht sie mit der Schuld um, die sie sich aufgeladen hat? Gibt es eine Option auf Errettung für sie?

Die große Leistung des Drehbuchs und der Regie besteht wohl darin, eine wirklich skurrile Grundidee (denn nichts anderes ist die Vorstellung einer plötzlich aufscheinenden Erdenkopie) glaubwürdig und konsequent zu erzählen und sie mit dem eigentlichen Drama harmonisch zu verweben. Daß Cahill dies vor allem bildlich gelingt, ist ein Umstand, der den Film in besonderer Weise auszeichnet. Die andere Erde ist ein buchstäblicher Aufhänger, der die Handlung auslöst und vorantreibt, ohne selbst von besonderem Interesse zu sein. Der Zuschauer gerät unterdessen ins Träumen. Welche Kräfte bestimmen unser Leben? Inwiefern ist man für sein Schalten und Walten verantwortlich?

Das Schwierigste im Leben, so die Botschaft von Another Earth, ist es, mit den Fehlern, die man begangen hat, zu leben, egal wie schwer sie wiegen mögen. Doch wie gelingt es, nach der Missetat ein gutes und ehrliches Leben zu führen? Mike Cahill zeigt uns einen Ort, an dem das Glück möglich ist, ganz ohne Ausflüchte, im Hier und Jetzt. Und wenn man alles richtig macht, wenn man lernt mit seinen Fehlern umzugehen, dann kommt es einen vielleicht sogar besuchen. 2011-11-06 15:33

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