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Die Höhle der vergessenen Träume

Cave of Forgotten Dreams. USA/F/D/CDN 2010. R,B: Werner Herzog. B: Judith Thurman. K: Peter Zeitlinger. S: Joe Bini, Maya Hawke. M: Ernst Reijseger. P: Creative Differences, Arte France.
95 Min. Ascot Elite ab 3.11.11

Alte Meister

Von Sven Lohmann Er war mit Reinhold Messner im Himalaya, er war am Südpol und im Urwald von Guyana: Werner Herzog ist im Grunde ein Abenteurer. Und er hat sich, fast schon erwartungsgemäß, als unorthodoxer Dokumentarfilmer bekannt gemacht – wenn nicht gar die Dokumentation sein »wahres« Sujet ist: Immerhin begreift sich Fitzcarraldo etwa nicht nur als Spielfilm über einen Exzentriker, sondern ebensogut als Dokumentation über die irrwitzige Anstrengung, ein Dampfschiff über einen Urwaldhügel zu hieven. Erzählend wie ein Reiseschriftsteller zeigt Herzog seinem Publikum Bilder, die ihm für gewöhnlich verborgen bleiben, er sichtet das gemeinhin »Un«-Sichtbare und versucht, es zu deuten.

Für Die Höhle der vergessenen Träume hat Herzog exklusiven Zugang bekommen zu einer archäologischen Sensation. 1994 hatten Forscher in Südfrankreich einen Höhlenkomplex entdeckt, der Jahrtausende lang von Steinschlag versiegelt gewesen war – darin fanden sich, von der Zeit geradezu unbehelligt, zahlreiche Höhlenmalereien, die mit einem Alter von geschätzt 32.000 Jahren die ältesten bekannten Kunstäußerungen der Menschheit überhaupt sind. Damals war Europa von Eis überzogen und beherrscht von einer mannigfaltigen Großwildfauna, die in den Motiven dargestellt wird. Außer für Forscher ist der Ort nicht zugänglich. In der berühmten Höhle von Lascaux, die von jedermann besucht werden durfte, haben die Wände wegen des Touristenatems zu schimmeln begonnen. Herzog – der dahin geht, wo sonst niemand hinkommt – darf aber hier filmen und bringt einerseits eindrucksvolle Aufnahmen der frühmenschlichen Kunst mit. Andererseits läßt er, ergänzend zu der Anschauung und seinen eigenen Gedanken, Archäologen und Paläontologen gewissermaßen eine Führung durch jene Höhle veranstalten, in die eigentlich niemand hinein darf.

Um die Höhle erlebbar zu machen, benutzt Herzog die 3D-Technik. Es mag zunächst verblüffen, daß so ein vermeintlich biederer Film wie eine Dokumentation über Steinzeitkunst in neuester Filmtechnik präsentiert wird. Die Räumlichkeit wahrzunehmen spielt hier aber für das Erleben der Malereien durchaus eine Rolle – deutlich etwa am Beispiel des Bildes zweier kämpfender Nashörner; ihre sich windenden Leiber sind auf eine Stelle der Wand aufgetragen, deren topographische Dynamik sich für dieses Motiv besonders anbietet. Die Oberflächenbeschaffenheit der Höhlenwände scheint erst durch die Bilder, die auf sie aufgetragen werden, Bedeutung, ja: Sinn verliehen zu bekommen. Herzog ist fasziniert von den Fragen, welche Umwelt und welcher Geist diese Darstellungen hervorgebracht haben, inwieweit jeder menschliche Betrachter sich darin selbst wiedererkennen, wieviel über die Entstehung der Bilder rekonstruiert werden kann. Seine philosophische Dokumentation kann auf diese spannenden Fragen natürlich keine definitiven Antworten erwarten, aber genau das ist Die Höhle der vergessenen Träume ihrem Wesen nach schlußendlich: Unerhört interessante Fragen an die frühesten Zeugnisse menschlichen Weltbewußtseins. 2011-10-28 15:52

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