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Underwater Love – A Pink Musical

Onna no kappa. J/D 2011. R,B: Shinji Imaoka. B: Fumio Moriya. K: Christopher Doyle. M: Stereo Total. P: Inter Film. D: Mutsuo Yoshioka, Emi Nishimura, Fumio Moriya, Hiroshi Sato, Sawa Masaki, Yoshiro Umezawa, Ai Narita, Yutaka Onishi u.a.
87 Min. Rapid Eye Movies ab 27.10.11

Adult Mutant Porno Turtles

Von Daniel Bickermann Es ist selten im Leben eines echten Filmliebhabers, genuin überrascht zu werden. Die ewige Wiederkehr durchaus bewährter Muster sorgt nicht selten für eine gewisse Abstumpfung des Vollblut-Cineasten gegenüber unauffälligen Meisterhandwerkern wie Claude Chabrol, Yasujiro Ozu oder Billy Wilder, über deren Filme sich wenig mehr sagen läßt, als daß sie einfach ausgezeichnet gemacht sind. Gleichzeitig erklärt sich damit auch die magnetische Anziehungskraft ikonoklastischer Visionäre wie Takashi Miike, Quentin Tarantino oder Sergio Leone, deren visuelle und narrative Volten selbst den erfahrensten Filmschauer derart auf dem falschen Fuß erwischen, daß dieser noch Jahre später weiß, an welchem Wochentag ihm diese durchaus willkommene Abwechslung eingespielter Sehgewohnheiten ereilte.

Underwater Love ist eine japanischdeutsche Koproduktion, und schon die Produktionsbeteiligung der zutiefst sympathischen Asienspezialisten des Rapid Eye Movies-Verleihs, bekannt für seine ebenso liebevolle wie geschmackssichere Originalität, sollte klarmachen, daß dies kein konventioneller Film werden wird. Dies wird bekräftigt durch die durchgeknallteste Credit-Troika des Filmjahres: »Kamera: C hristopher Doyle. Musik: Stereo Total. Regie: Shinji Imaoka.« Ein in Cannes, Venedig und New York regelmäßig ausgezeichneter Bilderpoet, dessen fließend-eleganten Kompositionen das asiatische und internationale Arthouse-Kino maßgeblich geprägt haben, trifft auf eine polymorph kreative Elektronik-Combo, die ihre Kompositionen gerne mit stark französischem Akzent und in absurden Kostümen zum Besten gibt, trifft auf eine fünfzigjährige Regielegende des japanischen Softpornos. Seit Musikproduzent Ben Folds in einem seltenen Geistesblitz Henry Rollins, Adrian Belew und William Shatner in ein Studio sperrte und den Record-Knopf drückte, gab es in der populären Kunst kein eklektischeres Line-Up mehr.

Und tatsächlich übertrifft der Film noch die ausschweifendste Erwartungsfantasie. Teils gestörtes Trash-Pop-Musical, teils mythisches Liebesmärchen, teils haarsträubende Sexklamotte, teils betörend schöne Naturmeditation, bietet die Geschichte um die Fischfabrikarbeiterin Asuka und ihre verlorene Jugendliebe Aoki, der als japanisches Fabelwesen Kappa wiedergeboren wurde, die Möglichkeit für allerhand Tanz- und Kopulationsszenen mit Schildkrötenmenschen, Sumo-Ringkämpfe mit Hippie-Todesgöttern und Schutz vor böser Zauberei durch heilige Analzäpfchen. Daß sich abgestumpfte Cineasten, ermüdet von tausendmal gesehenen Erzählkonventionen, auf diesen Film werfen werden wie lüsterne Schildkrötenmenschen auf nackte Frauenleiber, steht also zu erwarten. Ebenso ist zu befürchten, daß Feingeister, die den artistischen Feinschliff mit dem Skalpell jeglicher Dekonstruktion mit dem Holzhammer vorziehen, den Film nach allem Gesagten eher meiden werden. In anderen Fällen wäre dies eine akzeptable Vorgehensweise, schließlich ist bedingungslose Bilderstürmerei weder jedermanns Sache noch inhärent wertvoller als eine konventionellere Handwerkskunst.

In diesem Fall jedoch wäre es zumindest schade, schließlich ist Underwater Love auf zahlreichen Ebenen so gelungen und meisterlich gestaltet, daß vom Popfreund bis zum Pornointeressenten viele Zuschauer auf ihre Kosten kommen werden. Zudem er eine filmkulturell nicht uninteressante Brücke zum hierzulande weitgehend unbekannten Genre des Pink Film darstellt, einer spezifisch japanischen Form des schnell und billig produzierten, aber künstlerisch und psychologisch durchaus faszinierenden Softsexfilms, der in Japan vor dem Aufkommen von Video durchaus Mainstream-Appeal hatte. Hier ergibt sich auch die dann doch schlüssige Zusammenarbeit mit Doyle, der ein Händchen für erotisches Kino hat, und mit Stereo Total, deren sexuell anzügliche Musik auch gerne low budget, aber anspruchsvoll klingt. Das lässige Spiel der Darsteller, teils Laien, teils Pink-Film-Veteranen, die nachlässig aufgeklebten Maskeneffekte, die fiepende Musik, die farbintensiven Bilder und die generelle Stimmung von nacktem Klamauk und vergnüglicher Schamlosigkeit verleihen dem Film eine beinahe schwebende Selbstverständlichkeit, weit weg von sensationalistischer Prätention. Die schönsten Regelbrecher sind doch immer noch die, die so tun, als hätte es noch nie Regeln gegeben. 2011-10-25 10:55

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