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I'm Not a F**king Princess

My Little Princess. F 2011. R,B: Eva Ionesco. B: Philippe Le Guay, Marc Cholodenko. K: Jeanne Lapoirie. S: Laurence Briaud. M: Bertrand Burgalat. P: Les Productions Bagheera, France 2 Cinema. D: Isabelle Huppert, Anamaria Vartolomei, Georgetta Leahu, Denis Lavant, Jethro Cave, Louis-Do de Lencquesaing, Nicolas Maury, Pascal Bongard u.a.
105 Min. X Verleih ab 27.10.11

Schaulust – eingeschränkt

Von Julian Bauer In I’m Not a F**king Princess erzählt die Regisseurin Eva Ionesco ihr eigenes Erwachsenwerden mit anderen Namen – ihr eigener wird zu Violetta Giurgiu. Es ist zugleich die Geschichte des Aufstiegs und Falls der eigenen Mutter Irina Ionesco (hier: Hanah Giurgiu). Diese, ursprünglich Malerin, findet durch die Leihgabe eines Fotoapparates Gefallen an der Aktfotographie und erlangt weltweite Berühmtheit mit den anzüglichen Fotographien von ihrer erst 11jährigen Tochter. Zu erwarten wäre also, daß es im Film ums Sehen gehen wird, um Voyeurismus, um Skopophilie.

Violetta wächst die ersten elf Jahre ihrer Kindheit hauptsächlich bei ihrer orthodoxen Großmutter auf, eingerahmt von Blümchentapete, umgeben von Götzenfiguren. Die Verhältnisse sind einfach, die Farben gedeckt. Violettas Mutter ist hingegen die wandelnde Extravaganz, überzeugend überkandidelt gespielt von Isabelle Huppert. Ihr erster Auftritt ist in Weiß mit Straß und Netzschleier. Bei einem späteren Besuch räkelt sich Hanah während sie verlautbart: »Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich. Ja, das trifft’s genau.« Oscar Wildes angeblich letzte Worte also. Das Dekadente wird über das Zitat gedoppelt. Gleichzeitig ist hier bereits ihre Nähe zum Tod offenbart. Die Wohnung der Hanah Giurgiu ist dunkel, morbid, verwunschzaubert, ein zuviel an Nippes. Statt Götzenfiguren Skelette.

Die Besuche bei der Tochter werden regelmäßiger. Aber das ist keine Frage der Mutterliebe, sondern eher die Antwort auf die Frage nach dem Objekt der fotographischen Begierde. Bald wird Violetta nichts anderes mehr tun als posieren. Beinahe wie ein magisches Ritual, um der Mutter zu gefallen. Doch diese erklärt schon in den ersten Minuten, daß sie physiophobisch sei und versucht damit, der Distanz zu Violetta ein Wort zu geben, sie pathologisch zu machen. Gleichzeitig ist ihr aber die Kamera der anderen Tochter, Eva Ionesco, längst zu Leibe gerückt. Die Kritik an der Mutter ist, wenn überhaupt, äußerst dezent. An deren statt also die durchexerzierte Liebe der Mutter zum Tod und zum gespiegelten Abbild »Tochter«, als äußerst narzißtisches Moment. Deshalb kann der kurze verbale Austausch zwischen einem Galeristen, Hanah und Violetta nicht als Witz gedacht sein: Als ersterer die Künstlerin fragt, warum in ihrem Werk der Tod so präsent sei und diese antwortet, er sei ein Fest, fällt ihr die aufgetakelte 11jährige Tochter ins Wort: »Nein, er ist eine Hure!« Die Rollen sind festgelegt. Die Tochter wird der Mutter in der Extravaganz nicht folgen. Und die junge Schauspielerin Anamaria Vartolomei spielt diesen zickigen Zynismus wirklich mit Bravour. Ein wenig verfällt diese Personenkonstruktion jedoch in emotionale Alliterationen.

Wo ist aber das erwartbar Filmische in diesem Film? Ionesco erzählt zwar die Geschichte über die Triebfeder »Narzißmus«: Schon der erste Moment, in dem Hanah ihre Tochter in ein äußerst ausladendes Rüschenkleid zwängt, ist beinahe wie das eigene Anziehen vor dem Spiegel arrangiert. Aber über naheliegende bildliche Spiegelungstaktiken geht die Inszenierung der narzißtisch-voyeuristischen Situationen nicht hinaus. Und damit bleibt der Film leider ein wenig unter seinen Möglichkeiten. Der Voyeurismus ist eine distinktiv filmische Praktik, der kinematographische Apparat ist immer schon Skopophilie. Dies findet in Ionescos Film jedoch keinen Eingang. Zudem hätten Brechungen erwartet werden können, gerade weil hier eine Situation entsteht, in der gewissermaßen die Tochter die Tochter filmt. Und gerade weil diese zwei Personen, also Eva und Violetta, nicht 1:1 übertragbar sind, wären filmische Brüche willkommen gewesen. Hanahs Schaulust wird zwar über die Tonspur kommentiert und damit für das Publikum erfahrbar gemacht: Die Szenen, in denen sie ihre Tochter fotographiert, sind mit einer leicht drohenden Musik unterlegt. Aber Ionesco thematisiert ihre eigene Skopohilie oder deren Affirmation nicht.

Die Frau vom Jugendamt, die darüber entscheiden soll, ob Violetta bei ihrer Mutter bleiben darf, sagt einmal zu Hanah: »Sie dürften nicht die vielen Spiegel haben, wenn sie aufsteht, schneiden sie ihr den Kopf ab.« Leider geht von Ionescos Kamera nicht dieselbe Gefahr aus. Der Film ist ein wenig zu solide, obwohl doch so schöne Sätze fallen wie: »Dein Bataille kann mich mal!« oder »Suggestion ist nicht kriminell.« 2011-10-25 08:50

Abdruck

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