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The Future

D/USA 2010. R,B: Miranda July. K: Nikolai von Graevenitz. S: Andrew Bird. M: Jon Brion. P: Razor Film Produktion, GNK Productions, Haut et Court, Match Factory u.a. D: Miranda July, Hamish Linklater, David Warshofsky, Isabella Acres, Joe Putterlik, Angela Trimbur u.a.
91 Min. Alamode ab 27.10.11

Warten auf Kater

Von Marieke Steinhoff Eine Katze zu adoptieren mag für die meisten Menschen kein allzu großer Schritt sein, für das Mittdreißiger-Boheme-Pärchen Sophie und Jason führt diese Entscheidung geradewegs in eine existentielle Krise. Was passiert, wenn man auf einmal längerfristig Verantwortung für jemanden übernehmen muß? Hat man die Freiheiten eines selbstbestimmten Lebens bis dato überhaupt genutzt? Für Sophie und Jason steht fest: Bevor alles vorbei ist, muß das Leben noch einmal richtig herausgefordert werden. Und so nutzen sie die noch verbleibenden 30 haustierfreien Tage für kleine und große Befreiungsschläge.

Wie will man leben? Was macht einen glücklich, was nicht? Es sind die großen Fragen des endgültigen Erwachsenwerdens, die Allround- Talent Miranda July in ihrem zweiten Spielfilm stellt. So groß wie die Fragen scheint auch der Druck, der auf der von ihr selbst gespielten Sophie und auf Jason lastet: der Anspruch, originell zu sein, Neues zu erfinden, gepaart mit dem Unvermögen, sich nebst kritischer Selbstbeobachtung auch mal mit dem Gegenüber auseinanderzusetzen. So beobachten wir Sophie dabei, wie sie ungelenke Bewegungen vor der Webcam ausprobiert und daran verzweifelt, einen eigenen Tanz zu kreieren, während Jason sich eher schlecht als recht als Umweltaktivist versucht. Mit dem Finden eines adäquaten Selbstausdrucks heillos überfordert, flüchten sich beide in Rollenspiele und Möglichkeitsvorstellungen – und verlieren dabei mehr und mehr den Bezug zueinander.

Was leicht als gnadenlose Kritik an den Befindlichkeiten der 30+-Generation enden könnte, gerät bei July zu einer emphatischen, verträumt-verspielten Studie eben dieser, in der sie sowohl Beobachterin als auch Darstellerin ist. Diese Doppelrolle ist Fluch und Segen zugleich: In den stärkeren Momenten schafft es July, die Faszination und gleichzeitige Irritation über das eigene Rollenspiel grandios in Szene zu setzen, in den schwächeren Momenten wirkt selbiges belanglos und selbstbezogen. So ist The Future am Ende wie die unterschiedlichen Selbstdarstellungsversuche, die er zeigt: furchtlos und wahrhaftig, banal und abstoßend zugleich. 2011-10-24 17:44

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #64.
© 2012, Schnitt Online

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