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Over Your Cities Grass Will Grow

F/NL/GB 2010. R,K: Sophie Fiennes. K: Remko Schnorr. S: Ethel Shepherd. P: Sciapode, Kasander Film Company, Amoeba Film.
105 Min. mindjazz pictures ab 27.10.11

Haus aus Sand und Gras

Von Tamar Baumgarten-Noort Am Anfang ist es dunkel, die Kamera folgt Tunnelgängen, die ins Nichts zu führen scheinen, schier endlos reiht sich Gang an Gang. Das Auge gewöhnt sich nur widerwillig an die konstante, gleichbleibende Ästhetik. Ein komplettes unterirdisches Tunnelsystem hat Anselm Kiefer ausgegraben – und das ist nur ein Teil seines Gesamtkunstwerks »La Ribaute«. In Over Your Cities Grass Will Grow streift die Kamera über das Gelände, verharrt bei den Kunstwerken und zeigt, wie sie entstehen. Seit elf Jahren gestaltet Kiefer das Grundstück einer ehemaligen Seidenfabrik in Südfrankreich nach seinen Vorstellungen, versieht die Landschaft mit Installationen und nutzt die Räume als Atelier. Riesige Gemälde sind hier entstanden, aber auch Türme, Gruben, Grotten, Glashäuser. Kiefer baut sich eine eigene Stadt, die vollkommen intrinsisch ist, sie braucht weder Leben noch Menschen, sie existiert allein durch die Hand des Meisters.

Anselm Kiefer ist einer der international bekanntesten deutschen Künstler der Gegenwart – und vor allem die Franzosen verehren ihn sehr. Er war 50 Jahre nach George Braque der erste Künstler, der persönlich miterleben darf, wie seine Kunst im Louvre ausgestellt wird. Dabei scheint ein Museum gar nicht unbedingt der richtige Ort für Kiefers Werke zu sein. Seine Arbeiten leben von der direkten Interaktion mit den Naturgewalten, sei es Sonne, Regen, Wind oder vom Künstler zugefügte Kräfte wie Feuer. Das trifft jedenfalls zu für die großen Bauten, die Kiefer auf dem Gelände errichtet hat und die Sophie Fiennes in ihrem Film in aller Ruhe atmen läßt. Over Your Cities Grass Will Grow sucht die große Kraft der Kunstwerke – in stiller Kontemplation. Fiennes unterzieht Kiefers Werke einer minutiösen Beobachtung, sie horcht in sie hinein, tastet sie ab, findet grobe Strukturen ebenso wie feinste Oberflächen und Materialien. Der Filmtitel – ein Spruch, der von Kiefer selbst stammt – gibt dabei das Thema vor: Diese Werke trotzen der Endlichkeit, sie werden überdauern, auch wenn der Mensch längst verschwunden ist und die Natur sich die Städte zurückerobert hat.

Die streng beobachtende Haltung des Films ist durchaus eine Herausforderung. Der Film verlangt vom Zuschauer ein gehöriges Maß an Konzentration. Er muß bereit sein, sich auf die Kunstwerke einzulassen – denn sehr viel mehr bekommt er nicht zu sehen. Der Künstler selbst tritt zwar in Erscheinung, wird aber in keinerlei Weise in Szene gesetzt. Als geistiger Motor hinter den Werken ist er stets präsent, als Person tritt er jedoch eher in den Hintergrund. Der Film verzichtet auf einen Off-Kommentar, O-Töne des Künstlers, die seine Werke erklären, fehlen ebenfalls. Stattdessen ist Kiefer bei der Arbeit zu sehen. Er verteilt Farbe auf einer riesigen Leinwand, gibt seinen Helfern Anweisungen, die Kamera beobachtet ihn bei einem Gespräch mit einem Journalisten. Den Zugang zu seiner Kunst sucht der Film aber nicht beim Künstler: Was es über Kiefer zu erfahren gibt, ist in seinen Werken zu finden. 2011-10-24 14:33

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