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Cirkus Columbia

BIH/F/D/GB/SLO/B 2010. R,B: Danis Tanovic. K: Walther van den Ende. S: Petar Markovic. P: Razor Film Produktion, 2006, Art & Popcorn, Asap Films u.a. D: Miki Manojlovic, Mira Furlan, Boris Ler, Jelena Stupljanin, Milan Strljic, Mario Knezovic, Svetislav Goncic, Almir Mehic u.a.
113 Min. Movienet ab 20.10.11

All You Need Is Love

Von Tamara Danicic Eigentlich ein ganz tröstlicher Gedanke: Der kriegsgebeutelte Balkan als Rummelplatz, auf dem ein nostalgisches Kettenkarussell seine Runden dreht. Und dann heißt dieses auch noch »Cirkus Columbia«, was irgendwie nach Exotik und weit weg klingt. Doch leider steht der Krieg in Bosnien in Tanovic’ romantischem Politdrama unmittelbar vor der Tür. Während das titelgebende Karussell zwei der Protagonisten einem romantischen Ende entgegenwirbelt, schlagen im Hintergrund die ersten Granaten ein.

Nach No Man’s Land kehrt Tanovic zurück zum Krieg in seiner Heimat, und zwar diesmal zu den Anfängen. Nationalistische Anwandlungen brechen sich zunehmend Bahn, die Politik macht sich auch in privaten Beziehungen immer mehr breit und sortiert Freunde und Feinde neu. Der sich zusammenbrauenden Tragödie können sich auch Tanovic’ Helden nicht entziehen, wenngleich sie ein Mittel gegen ideologische Verblendung gefunden zu haben scheinen: die Liebe.

Divko Buntic, der 20 Jahre zuvor nach Deutschland geflüchtet ist und jetzt mit reichlich D-Mark in den Taschen und einer hübschen, etwas zu jungen Freundin in seinen Heimatort zurückkehrt, findet über Umwege zurück zu seiner ersten Frau Lucija. Unterdessen entbrennt der gemeinsame Sohn Martin in jugendlicher Leidenschaft zur Flamme seines Vaters und beschließt, gemeinsam mit ihr ins Ausland zu fliehen, um nicht als Kanonenfutter zu enden. In diesem Moment entdeckt Divko auch noch seine Vaterliebe. Er drückt Martin nicht nur all sein Geld und die Autoschlüssel zu seinem Mercedes in die Hand, sondern läßt auch noch die junge Geliebte mit ihm ziehen.

Was an sich eine ganz reizvolle Idee ist, nämlich die Verheerungen des Krieges über die Bande privater Liebeswirrungen zu erzählen, will nicht so recht funktionieren. Zu sehr verheddert sich der Film in seinen (nicht sonderlich originellen) Herzensangelegenheiten, zu sehr treibt das Ganze auf der (auch vor Folklorekitsch nicht zurückschreckenden) Oberfläche. Das Dröhnen der kriegerischen Auseinandersetzung hingegen geht vor lauter Kirmesgeklimper schlichtweg unter. 2011-10-18 08:41

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #64.
© 2012, Schnitt Online

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