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Die Haut, in der ich wohne

La piel que habito. E 2011. R,B: Pedro Almodovar. B: Agustin Almodovar. K: Jose Luis Alcaine. S: Jose Salcedo. M: Alberto Iglesias. P: El Deseo S.A. D: Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes, Jan Cornet, Roberto Alamo, Eduard Fernandez, Blanca Suarez, Susy Sanchez u.a.
117 Min. Tobis ab 20.10.11

Magie macht die Würze

Von Dietrich Brüggemann Film kann so viel sein, Film ist unter anderem ein großes Spiel namens »Was-wäre-wenn«. Was wäre, wenn ein Wissenschaftler seine Forschungen nutzen würde, um in einem privaten Rachefeldzug seine eigene, von komplizierten Schicksalsschlägen durchzogene Lebens- und Liebesgeschichte wieder geradezubügeln? Das Kino hat dieses Gedankenspiel schon oft unternommen, jetzt unternimmt Pedro Almodóvar, Altmeister des abseitigen Geschlechtertauschs, des schrillen Transentheaters, der schwul-keuschen Divenverehrung, einen neuen Anlauf. Herausgekommen ist ein recht seltsamer Film, der unwillkürlich zu einem anderen Was-wäre-wenn-Spiel herausfordert. Was wäre, wenn dieser Film nicht von Almodóvar wäre, sondern einfach von irgendwem? Auch wenn der Regisseur noch so gefeiert ist, der Film muß ja zunächst als Film funktionieren. Hable con ella ist ein Meisterwerk, auch wenn man noch nie von Almodóvar gehört hat, und Dancer in the Dark wäre auch sehenswert, wenn er von Uwe Boll wäre. Also, ist dieser Film ohne seinen Meister überlebensfähig?

Liest man, was der internationalen Kritik zu diesem Film einfällt, dann fällt zweierlei auf: Zum einen das gehäufte Auftreten von Wörtern und Satzbausteinen wie »rich«, »sumptuous«, »vibrant imagery«, »masterfully crafted«, »every inch of the frame«. Zum anderen der wiederkehrende Hinweis, die Handlung sei so überraschungsreich, daß man am besten nichts davon verraten dürfe. Selbst im Presseheft wird auf ausdrücklichen Wunsch des Filmemachers darum gebeten, den Ausgang der Geschichte nicht preiszugeben. Beides sind Phänomene, die zur genaueren Betrachtung einladen.

Zunächst die stereotype Wiederholung von Satzbausteinen. Die verweist auf ein ähnlich gelagertes Phänomen seitens des Filmemachers, nämlich die stereotype Wiederholung von Gestaltungsmitteln, also von Erzählmotiven, Bildausschnitten, Gesten. Selbst die durchaus gelungene Musik von Alberto Iglesias, bei der man schon in einigen Almodóvar-Filmen den Eindruck hatte, daß hier eigentlich das größte Genie wohnt, ruft doch eher etablierte Stimmungen ab, als sich in unerforschtes Gelände zu begeben. Ein Haus liegt in der Sonne, alles ist erlesen eingerichtet, das Licht ist geschmackvoll gesetzt. All das ist schön, nicht direkt umwerfend, aber original Almodóvar und daher mit den entsprechenden Ausdrücken zu belegen.

Und zum anderen die Handlung. Die wäre eigentlich mit zwei Sätzen erzählt, und gerade das Ende, das im Presseheft so hervorgehoben wird, ist ziemlich überraschungsfrei. Nun wäre es natürlich ein leichtes, alle Geheimnisse fröhlich hinauszutrompeten, das lassen wir schön bleiben und erzählen im Gegenteil einfach mal gar nichts, aber einige grundlegende Gedanken dazu seien gestattet. In einer Zeit, in der manch ein Film höchste Weihen allein dadurch anstrebt, daß er ein mit moralischer Betroffenheit aufgeladenes Thema behandelt, sollte man gelegentlich darauf hinweisen, daß in der Kunst weniger das Was, sondern eher das Wie zählt. Die äußere Spannung und das sachliche Thema sind nur die unterste Ebene. Spannung hat man auch in einem Fußballspiel. Nichts gegen Fußball, aber von Kunst erwartet man mehr. Überraschung funktioniert nur einmal, und das Kino ist in erster Linie keine moralische Anstalt. Das, was bleibt, und uns vielleicht ein zweites Mal ins Kino treibt, ist nicht die Handlung und nicht die Empörung, sondern die Magie. Betroffenheits-Themen-Trittbrettfahrerei kann man Almodóvar wahrlich nicht vorwerfen, sein Film verläßt sich auch keineswegs ausschließlich auf Überraschungsmomente, aber wem die Geheimhaltung der Handlung so am Herzen liegt, der mißtraut insgeheim den anderen Qualitäten. Denn wäre dies ein Film von magischer Sogkraft, dann wäre es egal, wenn der Zuschauer die Handlung vorher auswendig wüßte.

Und genau da liegt das Problem: In der Magie – also bei den Menschen. Die Figuren sind unplausibel, die zentrale Wendung, die wir nicht verraten dürfen, ist natürlich ganz schön kraß, aber kraß ist auch eine Schlagzeile in der Bildzeitung. Ein Gefühl von Ratlosigkeit bleibt zurück. Man könnte ausgiebig am Film entlangtheoretisieren und sich mit Phrasen über Gender, Identität, Voyeurismus etc. langsam in den Schlaf schreiben, man kann es auch bleiben lassen. Almodóvar ist immer noch Almodóvar, ein gewisses Niveau kann er gar nicht unterschreiten, aber er war schon mal besser. 2011-10-17 16:31

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