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Wintertochter

D/PL 2011. R: Johannes Schmid. B: Michaela Hinnenthal, Thomas Schmid. K: Michael Bertl. S: Thomas Kohler. M: Kathrin Mickiewicz, Michael Heilrath. P: schlicht und ergreifend Film, Pokromski Studio. D: Nina Monka, Ursula Werner, Leon Seidel, Dominik Nowak, Merab Ninidze, Katharina Marie Schubert, Maxim Mehmet, Daniel Olbrychski u.a.
96 Min. Zorro ab 20.10.11

Deutschland & Co – eine Winterreise

Von Heiko Martens Es ist bereits einige Jahre her, daß Michaela Hinnenthal in Erfurt bei der Akademie für Kindermedien den Stoff vorstellte, aus dem jetzt Wintertochter geschmiedet wurde. Seitdem hat die Idee zahlreiche Wandlungen erfahren, hat im Kern jedoch den Schwitzkasten der Akademie ebenso überlebt wie den später folgenden Einfluß von Kreativproduzenten, Redakteuren und Förderstrukturen. Es ist also viel Herzblut geflossen in dieses Thema, in zahlreiche Fassungen und schlußendlich in einen mehr als gelungenen, weil vor allem im Hinblick auf das Buch gewagten Film. Es zahlt sich mitunter aus, in einen Stoff alleine in der Entwicklung Jahre zu investieren, ein Luxus, der hierzulande so gewöhnlich ist wie Kugelblitze – und ein Wagnis, dessen Leidensfähigkeit auf dem diesjährigen Kinderfestival in Erfurt völlig zu Recht zum Preis für das beste Drehbuch führte.

Die 12jährige Kattaka (Nina Monka) muß am Weihnachtsabend in Berlin erfahren, daß der Mann, den sie bisher als Papa kannte, nicht ihr leiblicher Vater ist. Das versetzt das stoische Mädchen durchaus in Rage. Wild entschlossen, ihren richtigen Papa zu finden, macht sich Kattaka auf Richtung Polen. Mit dem hilflosen Einverständnis der Eltern wird sie dabei von der 75jährigen Nachbarin Lene (Ursula Werner) begleitet, sowie ihrem besten Freund Knäcke (Leon Seidel), der sich heimlich mit an Bord schleicht. Auf der Suche nach dem Russen, der Kattakas Vater sein soll und der auf einem Schiff arbeitet, das gerade vor Danzig liegt, spürt Kattaka nicht nur ihrer eigenen Vergangenheit nach. Denn auch Lene, die Generation der Großeltern also, wird gezwungen, sich den verdrängten Spuren ihrer eigenen Kindheit in Masuren zu stellen.

Wintertochter geht hierbei so konsequent wie ungewöhnlich zu Werke. Während der Film zunächst strikt über Kattaka perspektiviert und die emotionalen Höhen und Tiefen ihrer Vatersuche ausleuchtet, rückt die Oma Lene nach und nach mehr ins Blickfeld. Als Kattakas Reise zunächst beendet erscheint, steht die Figur der Lene parat – und es ist vor allem Ursula Werners bewegendem Spiel zu verdanken, daß einem das Konstrukt der Geschichte an dieser Stelle nicht um die Ohren fliegt. Bevor der Film in seine Bestandteile zerfällt, wird nicht nur Lene ihre Reise beenden und die Geschichte findet zu Kattaka zurück. Das kleine Mädchen und die alte Dame werden zu synergetischen Katalysatoren – die Junge will suchen und finden, die Alte will eigentlich nicht suchen, findet aber auch. Dieser Wechsel der Hauptfigur hätte in etlichen Abwägungen schiefgehen können – in der Gewichtung, für die sich Wintertochter letzten Endes entscheidet, funktioniert die Überlegung und hält den drohenden Kitsch mehrheitlich im Abseits.

Im Tonfall sind die Landschaften, die während der Reise erkundet werden, prägend. Das beginnt in den menschenverlassenen Ebenen zwischen Berlin und Danzig und endet nicht zuletzt im markanten Hafen von Danzig. Zwar ist Kattakas Freund Knäcke ein lustiger Hosenmatz, aber gegen den Winter in Pommern und die Beweggründe seiner Mitreisenden ist auch er nur bedingt gefeit. Hiernach ist Wintertochter elegisch und ernsthaft, selten salopp oder ulkig. Das ausgewogene Drehbuch und das Spiel der Protagonisten halten das Schiff dennoch oder gerade deshalb auf Kurs. Daß man am Schluß ein wenig der Glückseligkeit anheimfällt, sei bei dem Vorlauf verziehen und mag auch dem Rahmen der Geschichte geschuldet sein. An Weihnachten erzählt man schlußendlich ungern aus der Hölle.

Regisseur Johannes Schmid vollendet mit Wintertochter nach dem großartigen Kinderfilm Blöde Mütze (2007) erst seinen zweiten Langfilm – und findet auch im aktuellen Fall eine Sprache, die stimmig erscheint, aufgrund der Figurenkonstellation aber auch mehr aneckt. Kinder mögen das Thema des Films eher fühlen als in Gänze verstehen – und die Elterngeneration, die ja in erster Linie mit den Kleinen im Kino sitzt, wird im Film fast völlig ausgespart. Es bleibt Wintertochter zu wünschen, daß sich dieser Spagat nicht als Krux erweist. 2011-10-17 08:37
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