— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Restless

USA 2010. R: Gus Van Sant. B: Jason Lew. K: Harris Savides. S: Elliot Graham. M: Danny Elfman. P: Columbia Pictures, Imagine Entertainment, 360 Pictures. D: Henry Hopper, Mia Wasikowska, Jane Adams, Schuyler Fisk, Lusia Strus, Chin Han, Kyle Leatherberry, Ryo Kase u.a.
91 Min. Sony Pictures ab 13.10.11

Boy Meets Girl Meets Funeral

Von Carsten Happe Und wenn es einmal nicht um ein Thema ginge, nicht um den Umgang mit dem unzeitigen Tod, sondern lediglich um zwei junge Menschen, die die Zeit, die ihnen bleibt, auskosten und das Leben genießen, auch wenn das Enddatum mehr oder weniger gesetzt ist. Einige Tage nach der Cannes- Premiere von Restless feierte auch Halt auf freier Strecke des großartigen Andreas Dresen in der gleichen Sektion »Un certain regard« seine Uraufführung und wurde verdientermaßen allseitig geschätzt; doch er ist, ebenso wie Wolke 9 ein Film über Sex im Alter war, ein Film über den Einbruch des Todes in der Mitte des Lebens. Restless dagegen streift diesen Bleimantel so gut es geht ab – und es geht sehr, sehr gut – und ließe sich in seiner luftigen Leichtigkeit auf »boy meets girl« herunterbrechen, mit dem Zusatz »by Gus Van Sant« allerdings, der nicht als Einschränkung zu verstehen ist, sondern als Erweiterung eines altbekannten, scheinbar auserzählten Topos.

Van Sants Filme lassen sich in der Regel in zwei Kategorien einteilen, in die stilistisch eher konventionellen Großproduktionen wie Good Will Hunting, Forrester – Gefunden! oder Milk, die mit der ihm eigenen Sensibilität von außergewöhnlichen Biographien erzählen, und in die mitunter beinahe experimentellen, zumindest formal ungewöhnlichen Werke wie Elephant, Gerry oder Last Days, die abseits herkömmlicher narrativer Strukturen ihre eigene Faszination bergen und Van Sants filmische Anfänge im Underground erahnen lassen. Restless setzt sich mit seiner unaufgeregten Bildsprache und seinen erratischen Charakteren zunächst einmal zwischen diese beiden Stühle. Ganz behutsam nähert er sich seinen Protagonisten und ihren teils vermeintlichen Schrullen. Ein Hauch von Nouvelle Vague weht durch die erste Begegnung in den hellen Fluren eines Krematoriums. Mia Wasikowska mit ihrer Jean-Seberg-Frisur und dem Leuchten in ihren Augen, wie sie Henry Hopper, Sohn des großen Dennis, aus der Zwangslage befreit, erklären zu müssen, weshalb er sich andauernd bei fremden Beerdigungen aufhält. Wie sie sich beschnuppern und ihre Gemeinsamkeiten feststellen – zwei Gefährten, das wird schon frühzeitig klar. Vereint durch ihr Schicksal, das dem Tod einen unermeßlich großen Platz in ihrem Leben eingeräumt hat, sodaß Annabel, das Mädchen im Dalmatinermantel, und Enoch, der stets schwarzgekleidete Junge, gewissermaßen an dessen Rändern entlangdenken, sich imaginäre Freunde und Biographien herbeizaubern, die der möglichen Schwere einen magischen Realismus entgegensetzen. Restless und weightless.

Mia Wasikowska ist gewiß zu süß für die unheilbar erkrankte Annabel, und Henry Hopper zu sehr Indie-Posterboy für den vom Unfalltod seiner Eltern traumatisierten Jüngling, aber Van Sants zurückhaltende Inszenierung kleidet seine Darlings in so wohlige Melancholie, daß ihm selbst dies verziehen sei. Seine Helden spielen auf Zeit – das ist ihnen auch stets bewußt –, doch der Film selbst verströmt eine Zeitlosigkeit, die bemerkenswert ist: Der Geist eines japanischen Kamikaze-Piloten mitsamt Anspielungen auf Nagasaki und die Atombombe durchwandern E nochs verqueren Verstand, bis schließlich auch Annabel von ihm Notiz nimmt; der Soundtrack vereint Sixties-Pop, gegenwärtigen Indie-Rock und Nico-Elegie zu einem stimmigen Mix, dessen Eklektizismus eine wahre Freude ist. Restless, weightless und timeless.

Van Sants 14. Kinofilm ließe sich schließlich als Versöhnung zwischen seinen beiden Filmwelten verstehen, als kleine, charmante und widerborstig-tragische Lovestory, von Hollywood produziert (Ron Howard! Brian Grazer!), doch mit genügend Abseitigkeit ausgestattet, die dem Mainstream schwer im Magen liegt. Gänzlich unprätentiös und stets die leisen Töne anschlagend spielt Van Sant mit der Routine eines Meisters auf der Klaviatur der Gefühle, die hier leicht rührselig und tränenziehend hätten ausfallen können, und trifft durchgehend die rechte Balance und die unglaublich schwer zu erreichende Leichtigkeit und Durchlässigkeit, die der Erzählung Raum zum Atmen geben, und die bittersüße, wenn auch nicht neue Erkenntnis, daß nicht unbedingt die Länge des Lebens, sondern vielmehr die Intensität entscheidend ist. 2011-10-11 17:19

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap