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Die Liebesfälscher

Copie conforme. F/I 2010. R,B: Abbas Kiarostami. K: Luca Bigazzi. S: Bahman Kiarostami. P: MK2 Productions, BiBi Film. D: Juliette Binoche, William Shimell, Jean-Claude Carrière, Agathe Natanson, Gianna Giachetti, Adrian Moore, Angelo Barbagallo, Andrea Laurenzi, Filippo Troiano, Manuela Balsimelli u.a.
106 Min. Alamode ab 13.10.11

Die Reproduzierbarkeit des Gefühls

Von Alexander Scholz Sie schaut direkt in die Kamera und sie weint. Ein scheinbar unzweideutig authentisches Symptom emotionaler Regung rinnt ihre Wange hinunter, während ihr trauriger Blick den Zuschauer im Kinosessel trotz seiner Intensität nicht wirklich zu treffen vermag. Keinesfalls, weil der Rezipient gerade gar nicht der primäre Adressat der schmerzerfüllten Mine ist, oder weil das Durchbrechen der vierten Wand einen entschieden illusionsbrechenden Charakter hätte, sondern weil man als Betrachter schlicht den Glauben an die affektive Aufrichtigkeit der Figuren verloren hat. Copie Conforme hat einem zu diesem Zeitpunkt längst die Veranlagung zur Empathie ausgetrieben. Selbst das physisch in seiner Glaubwürdigkeit verbürgte Zeichen ist eine potentielle Täuschung, schlimmer noch: vielleicht nur eine Kopie. Statt mit der verzweifelten namenlosen Galleristin mitzuleiden, erkennt man ihren Blick, der damit zur leeren Geste wird, als Verweis wieder. Denn mit dem Stilmittel der räumlichen Kontinuität zwischen Zuschauerraum und Bühnengeschehen hatte der iranische Regisseur Abbas Kiarostami Copie Conforme auch beginnen lassen: Als der Kunsthistoriker James Miller sein für den Film titelgebendes Buch vorstellt, in dem er die Gleichwertigkeit von Originalen und Kopien behauptet, ist stets entweder die Bühne oder das Auditorium zu sehen – Montage statt Totale, zwei Blicke statt nur einem.

Es ist mithin kein Zufall, daß an dem tränenreichen Wendepunkt des Films die Bildsprache seines Beginns aufgenommen und um ein verfremdendes Element ergänzt wird. Kiarostami erhebt das Wechselspiel von Zitation, Imitation und Variation zum sowohl ästhetisch stilbildenden als auch inhaltlich integrierenden Zentrum von Copie Conforme. Intradiegeses und eben besonders Gefühle werden in ihrer Iteration zum Gegenstand kontextueller Verschiebungen, wobei sich stets die Frage nach der Ursprünglichkeit und der Praxis des Sekundären stellt. Der Blick, der erst auf das filmische und dann auf das reale Publikum im Kinosaal fällt, unterminiert ferner eine Grenze, die – zumindest bei Kiarostami – parallel zu der von Original und Kopie verläuft: die zwischen Kunst und Leben. Stets in flanierender Bewegung durch das toskanische Utopia des vulgärintellektuellen Spießbürgers, in welches sich die beiden Protagonisten allzu harmonisch einfügen, debattieren Galleristin und Kunsthistoriker den gesamten Film über mächtig gescheit über den Wert von Originalen und konnotieren dabei stets den mitlaufenden Subtext ihres ungeklärten zwischenmenschlichen Verhältnisses. Der ambitionierte Anspruch des Films wird im Zuge dieses aufgesetzten Parlierens bedauerlicherweise gerade durch die Dialoge verwässert, die denselben so beflissen explizieren sollen. Treffen die beiden Protagonisten wiederum auf andere Charaktere – sei es eine Bardame, die sie in dem Glauben lassen, ein verheiratetes Paar zu sein, oder einem von Jean-Claude Carrière verkörperten Touristen, der sich auf halbseidene Diskussionen zu umherstehenden Plastiken einläßt – wird der diskursive Ballast zur verspielten Leichtigkeit. Mit dem Ballast hingegen, daß die Forderung des so anrührenden Kunsthistorikers Miller nach der Gleichwertigkeit von Original und Kopie im »digitalen Zeitalter « zumindest aus technikfixierter Sicht bereits eingelöst ist, belastet sich Copie Conforme lieber nicht. Vielmehr geht es darum, die Größe des Originals dahingehend zu befragen, ob die erst durch sekundäre Bezugnahmen konstituiert wird, oder ob es ursprüngliche zitierfähige Originale gibt. Aus medientheoretischer Sicht erscheint es da einigermaßen paradox – und gerade deswegen so reizvoll –, daß gerade ein Buchautor die schriftgebundene Praxis des Zitierens ursprünglicher Artefakte in Kunst wie Leben so vehement bekämpft. Ihm gilt das Original ebensoviel wie die Kopie, weswegen er weder dem Blick noch den Tränen seiner Antagonistin emotional entkommen kann – wie authentisch diese Zeichen nun auch sein mögen.

Der Kunstgriff übrigens, die äußere Authentizität von Gefühlen gegen ihren möglicherweise defizitären Status der schnöden Kopie ins Spiel zu bringen, ist selbstredend nur mit so großen Schauspielerinnen wie Juliette Binoche zu machen, die für ihre Leistung 2010 in Cannes endlich als Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. 2011-10-10 09:10

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