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Der große Crash – Margin Call

Margin Call. USA 2010. R,B: J.C. Chandor. K: Frank DeMarco. S: Pete Beaudreau. M: Nathan Larson, Philip Quinaz. P: Before The Door Pictures, Benaroya Pictures u.a. D: Kevin Spacey, Paul Bettany, Jeremy Irons, Zachary Quinto, Demi Moore, Penn Badgley, Simon Baker, Mary McDonnell, Stanley Tucci, Aasif Mandvi, Ashley Williams, Susan Blackwell, Maria Dizzia, Jimmy Palumbo u.a.
109 Min. Koch Media ab 29.9.11

Leergeld

Von Carsten Happe Als Margin Call bezeichnet der Börsenslang einen Warnhinweis, wenn die Gefahr droht, daß man echtes Geld als Sicherheitsleistung nachschießen muß um zu verhindern, daß offene Positionen zwangsaufgelöst werden müssen. Wurde doch zuvor mit Kapital agiert, das man strenggenommen gar nicht zur Verfügung hat. Dies und mehr Börsenwissen sind eigentlich nicht nötig, um den Film Margin Call goutieren zu können, aber dieser kleine, laienhafte Einblick offenbart bereits ein wenig von der Misere, in die sich die Finanzwelt hineinmanövriert hat: daß sie eine Krise wie die von 2008 heraufbeschwören konnte sowie zahlreiche Nachbeben, die die Welt bis heute erschüttern. Das Spekulationsgeschäft ist mittlerweile derart abstrakt und vom tatsächlichen Geldwert abgelöst, daß einerseits auch das immense Risiko sich in einem hypothetischen Raum letztlich quasi auflöst – es sind ja nur Zahlenschiebereien ohne wirklichen Gehalt – und andererseits selbst Insider und vermeintliche Experten den Überblick und die erforderliche Kontrolle verlieren.

Dem jungen Analysten Peter Sullivan, einem kleinen Licht einer großen Investmentbank an der Wall Street, fällt während der Aktendurchsicht in einer unbezahlten Überstunde auf, daß die Bewertungen hochriskanter Hypothekenpapiere fehlerhaft sind und viel mehr noch: Sie könnten die Bank an den Rand des Ruins treiben und das gesamte System mit sich in den Abgrund reißen. Das Abstrakte der Situation wird konkret, wenn Mitarbeiter entlassen werden, um finanzielle Mittel freizumachen. Aber das Problem ist tiefgreifender und existenzieller, es erfordert Krisenstäbe und nächtliche Beratermeetings. Die gesamte Hierarchie der Bank wird durchlaufen, bis schließlich der per Hubschrauber eingeflogene Firmenchef John Tuld den Rettungsplan absegnen soll.

Konzentriert in Zeit und Ort – der Film spielt innerhalb von 24 Stunden und fast ausschließlich in den Büros und Fluren eines Bankgebäudes – entwirft Regiedebütant J.C. Chandor ein hochkomplexes Geflecht aus Abhängigkeiten, Beziehungen und Verstrickungen, sei es auf persönlicher Ebene oder beruflicher. Mehr noch als die brisante Thematik sind es die allzu menschlichen Ränkespiele um Macht und Einfluß, die immer stärker ins Blickfeld des Geschehens rücken. Enorme Egos prallen aufeinander, wenn die Handlung auf die höheren Ebenen der Bank wechselt, und es mutet beinahe wie ein Shakespearesches Königsdrama an, wenn Jeremy Irons in der Rolle des Firmenchefs die Intrigenspiele seiner vermeintlich Untergebenen zu parieren hat.

Der Stil von Margin Call ist nüchtern, distanziert und frei von jeglichen Mätzchen, die von der Thematik und insbesondere von seinem eindrucksvollen Schauspielerensemble ablenken könnten. Auch wenn bei der Fülle der Charaktere nicht immer die Zeit bleibt, alle Figuren aus ihren Schablonen zu befreien, gelingen einigen Darstellern – allen voran Kevin Spacey – bravouröse Portraits letztlich gescheiterter Existenzen.

Der Vergleich mit Oliver Stones Wall Street liegt natürlich nahe, aber er läuft ins Leere, denn auf verquere Art und Weise ist Margin Call einem Film wie Brazil deutlich näher – die Menschen als Sklaven einer gigantischen Maschinerie, eines grotesk gewordenen Verwaltungsapparats und kleiner, fast flüchtiger Fehler, die einen gewaltigen Sturm auslösen, der schließlich kaum mehr aufzuhalten scheint. Während ein Gordon Gekko in Wall Street stets alle Strippen in der Hand hält, verläuft Margin Call streng nach dem Reaktionsprinzip. Erst im Angesicht der Katastrophe werden Gegenmaßnahmen eingeleitet, die so lange durchdiskutiert, analysiert und verifiziert werden, bis sie als alternativlos dargestellt werden können. Das ist bitter, aber eine der Wahrheiten, die Margin Call unverblümt bereithält. Es ist vielleicht nicht der ultimative Film zur Wirtschaftskrise, wie er gerne tituliert werden möchte – diese Ehre gebührt vielmehr der Dokumentation Inside Job von Charles Ferguson – jedoch ein sehenswerter, kammerspielartiger Thriller, der die Mechanismen der Macht und Gier schonungslos offenlegt und gleichzeitig vorzüglich unterhält. 2011-09-26 12:31

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