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Eine offene Rechnung

The Debt. USA 2010. R: John Madden. B: Matthew Vaughn, Jane Goldman, Peter Straughan. K: Ben Davis. S: Alexander Berner. M: Thomas Newman. P: Marv Films, Pioneer Pictures. D: Helen Mirren, Tom Wilkinson, Ciarán Hinds, Jessica Chastain, Marton Csokas, Sam Worthington, Jesper Christensen, Romi Aboulafia u.a.
113 Min. Universal ab 22.9.2011

Einer muß bezahlen

Von Nils Bothmann Allein das Bild einer Frau, die gerade vom Frauenarzt untersucht wird, kann als Symbol für Verwundbarkeit, vielleicht sogar für Ausgeliefertsein, stehen. Was jedoch, wenn der Doktor ein untergetauchter KZ-Arzt ist, der mittlerweile als Gynäkologe praktiziert, die Patientin eine junge, über seine Vergangenheit informierte Mossad-Agentin ohne Außendiensterfahrung, deren Familie im KZ umkam? Gleich dreimal muß die Agentin Rachel Singer auf dem Gynäkologenstuhl Platz nehmen, jedes Mal vermittelt Eine offene Rechnung das Gefühl absoluten Unwohlseins, das sie empfindet – auch wenn der Film den Spieß während des letzten Arztbesuchs umdreht, Rachel den früher als »Chirurg von Birkenau« bekannten Mann ironischerweise mit einem Griff ihrer Beine lang genug festhalten kann, um ihm eine Betäubungsspritze zu geben.

John Maddens neuer Film ist das Remake der israelischen TV-Produktion Ha Hov von 2007, deren englischer Verleihtitel dem von Eine offene Rechnung entspricht (The Debt) und die hierzulande als Der Preis der Vergeltung ausgestrahlt wurde. Madden, der 1998 den Überraschungshit und Oscargewinner Shakespeare in Love drehte, mit seinen folgenden Arbeiten Corellis Mandoline, Der Beweis und Killshot keinen ähnlich großen Erfolg bei Kritik und Publikum verbuchen konnte, präsentiert sein Hollywoodremake als ambitionierten Hybriden aus verschiedenen Genres. Der Film spielt auf zwei Zeitebenen, zum einem im Jahre 1966, als Rachel mit ihren Kollegen Stephan und David die Gefangennahme des fiktiven, nach dem Vorbild von Josef Mengele und ähnlichen Verbrechern gestalteten Dieter Vogel vorbereiten und durchführen, zum anderem im Jahre 1997, als Rachels Tochter ein Buch über die damaligen Geschehnisse veröffentlicht, welche die drei Ex-Agenten nun erneut heimsuchen.

Jedoch leidet Eine offene Rechnung unter der Menge an Genres und Erzählsträngen, ist vieles teilweise, aber nichts so richtig. Ein wenig Agententhriller im gespaltenen Berlin des Kalten Krieges, ein wenig Dreiecksgeschichte, denn während der langen Zeit, die das Trio quasi isoliert in einer Berliner Wohnung verbringt, prägen nicht nur die Mission, sondern auch zwischenmenschliche Bedürfnisse und Gefühle das Leben der Mossad-Leute, dazu eine Prise Ehe- und später noch Familiendrama, sowie ein gehöriger Schuß Kammerspiel, wenn die Mossad-Agenten Vogel nach einem mißglückten Versuch ihn aus Berlin herauszuschaffen in ihrem Unterschlupf gefangenhalten müssen. Dabei ist der ehemalige KZ-Arzt, eindrucksvoll verkörpert von Jesper Christensen, trotz seiner Fesseln immer noch ein mächtiger Gegner für die drei ihm körperlich überlegenen Israelis; ähnlich wie in Filmen wie Suicide Kings kann der Gefangene seine Kidnapper allein durch die Kraft seiner Worte manipulieren, in Wut oder gar Angst versetzen. In einer der eingängigsten Szenen des Films provoziert Vogel nicht nur eine Kurzschlußreaktion bei David, sondern schneidet auch einen über den Film hinausgehenden Opferdiskurs bezüglich der angeblichen Schwäche des jüdischen Volkes an. »Warum waren wohl nur vier Soldaten nötig, um 1.000 Juden in die Gaskammern zu führen?« fragt er David hämisch. Gerade diese Frage nach Stärke und Schwäche wirft Eine offene Rechnung zwar immer wieder auf (immerhin ist das Ziel der Mission durch eine öffentliche Verurteilung des gefangenen Kriegsverbrechers die Stärke des noch jungen israelischen Staates zu demonstrieren), doch der Film drückt sich vor einer Antwort. Im Gegensatz zu einem Werk wie München, in dem Spielberg die durchaus provokante These aufstellte, daß der Mossad oft nicht weniger skrupellos vorgeht als die Terroristen, die er jagt.

Derartiger Mut geht Maddens Film leider ab, der angesichts seiner verschiedenen Handlungsstränge, Zeitebenen und Genreelemente zudem keinen durchgehenden Spannungsbogen aufbauen kann, dessen Handlung im Finale leider arg unglaubwürdig wirkt, der die emotionalen Seiten seiner Figuren nur teilweise vermitteln kann. Dabei ist Eine offene Rechnung gut besetzt, neben dem herausragenden Jesper Christensen gefallen vor allem Helen Mirren, Tom Wilkinson und Ciarán Hinds als gealterte Ex-Agenten, doch auch Jessica Chastain, Marton Csokas und Sam Worthington schlagen sich als deren jüngere Versionen mit deutlich mehr Screentime wacker. An vielen Stellen ist das Potential des Films klar zu erkennen, nicht nur bei den schweißtreibenden Szenen in Vogels Praxis und den Diskussionen zwischen dem Nazi und seinen Kidnappern: Eine Sequenz, in der die zuvor als Übersetzerin eingesetzte Jessica nicht nur die Selbstverteidigungstechniken des vom Mossad entwickelten Krav Maga mit David und Stephan übt, sondern als zusätzliche Belastung noch im fliegenden Wechsel Fragen zu ihrer Tarn- und ihrer tatsächlichen Identität beantworten muß. Der mißglückte Versuch, den Kriegsverbrecher aus Berlin zu schaffen. Eine mit allen Mitteln ausgetragene Schlägerei zwischen Vogel und Jessica, als der Nazi sich zu befreien versucht. Leider stehen diese teilweise famosen Einzelmomente in einem zu faserigen Gesamtkonzept, das zuviel sein möchte, dann aber nichts so richtig ist. 2011-09-22 08:13
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