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Hell

D/CH 2011. R,B,K: Tim Fehlbaum. B: Thomas Wöbke, Oliver Kahl. K: Markus Förderer. S: Andreas Menn. M: Lorenz Dangel. P: Caligari Film- und Fernsehproduktions GmbH. D: Hannah Herzsprung, Lars Eidinger, Stipe Erceg, Angela Winkler, Lisa Vicari, Yoann Blanc, Christoph Gaugler, Lilo Baur u.a.
89 Min. Paramount ab 22.9.11

Diesel oder Super?

Von Heiko Martens Hurra! schreit es im Geiste des genreaffinen Rezensenten, wenn sich die heimische Filmproduktion zu einem erneuten Versuch aufrappelt, die deutsche Kinolandschaft mit einem gegen die moralische Mehrheit gebürsteten Werk zu beglücken. Wenn also weder das Drama der Liebe in dramatischem und/oder komischem Tonfall in Zweier-, Dreier- oder Mehrfachkonstellationen dekliniert wird, noch ein Kommissar oder sonstiger Detektiv einem mörderischen Verbrecher das Handwerk legt, wahlweise mit zerrütteten Verhältnissen beim Ermittler und/oder im erforschten Milieu.

Wenn in diesen Ausbruchsversuchen dann weder Till Schweiger eine wesentliche Rolle spielt noch der Nationalsozialismus das historische Kolorit bildet, erhält das Hurra! eine deutliche Schlagseite der Überraschung, die sich immer dann einstellt, wenn sich Wagemut und Unvernunft einen erbitterten Kampf liefern. Wohlgemerkt, beides kann einen berauschenden Film ergeben.

Die Hoffnung wird lediglich dadurch getrübt, daß die Wenigen, die hierzulande durchs Ziel kommen, mitunter die Frage nach dem Warum leidlich unbeantwortet lassen. Mehrere kleine Fragezeichen zum Beispiel bei Wir sind die Nacht, ein riesengroßes bei Die kommenden Tage.

Mit Hell springt man nun – erneut – ins gut kartographierte Science-Fiction-Genre. 2016 nämlich wird die Sonne aus der Erde eine Steppe gemacht haben und für die Überlebenden des sich anschließenden Verteilungskampfes heißt es, sich gegen einstrahlungsbedingte Widrigkeiten und mehr oder minder noch menschliche Mitstreiter zu behaupten.

Zu den Protagonisten der Postapokalypse zählt Marie (Hannah Herzsprung), die mit ihrer jüngeren Schwester Leonie (Lisa Vicari) und dem Gelegenheitsliebhaber Phillip (Lars Eidinger) unterwegs in die Berge ist – dort nämlich soll es noch Wasser geben. Vorher treffen sie noch Tom (Stipe Erceg). Fast schlägt man sich den Schädel ein, bevor man beschließt, Synergien walten zu lassen. Doch die Berge verheißen nicht nur das Paradies, sondern beherbergen auch einen finsteren Familienclan, der nicht nur Mad Max, sondern auch Jahr 2022… die überleben wollen und The Texas Chain Saw Massacre im Gepäck hat. Das wird also eine harte Nummer.

Das Debüt von Tim Fehlbaum macht eine Menge richtig. Die Schauspieler holen aus den schablonenhaften Figuren und dem Umstand, aufgrund des Szenarios vorwiegend vermummt agieren zu müssen, das Beste heraus. Die höllenhaft strahlende Sonne kreiert gleißende Bilder, die vorwiegend in Sepia strahlen. Staub und Dreck haben einen glaubhaften Schleier über die Welt gelegt.

Dennoch mag einen der Sonnenwind nicht recht mitreißen. Das liegt zum einen am Buch, das in seiner Wortkargheit noch geschwätzig wirkt – verflochten mit der Moral, daß wir alle wieder zu Tieren werden, wenn der Rausch von Wachstum und Wohlstand vorüber ist, wird hier kurz gegriffen und zugleich dick aufgetragen. Entweder, man lotet im »Was wäre wenn«-Szenario neue philosophische Tiefen aus oder bedient eindeutig den Slash’n’Gore-Faktor. Hell verharrt unentschieden in der Mitte.

Die Frage nach dem Warum beantwortet sich neben der lobenswerten und offensichtlichen Ambition der Filmemacher vielleicht auch im Abspann, in dem Roland Emmerich als Produzent auftaucht. Der hat sich ja schon einmal daran gemacht, die Ergebnisse der Klimafolgenforschung in Kino mit Popcorn und Cola zu verwandeln. Dieses Mal bleibt eher ein Videoabend mit Chips und Bier. Nicht, daß man falsch verstanden wird: Das ist für Deutschland gar nicht so schlecht. Hurra. 2011-09-19 08:47
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