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Vergiss dein Ende

D 2011. R,S: Andreas Kannengießer. B: Nico Woche. K: Stephan Fallucchi. S: Mirja Gerle. M: Martin Spange. P: Anna Wendt Filmproduktion, Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf. D: Renate Krößner, Dieter Mann, Hermann Beyer, Martin Seifert, Eugen Krössner, Nadine Pasta, Franziska Jünger, Mario Pokatzky u.a.
94 Min. Basis ab 22.9.11

Alter kommt stets

Von Heiko Martens Der Gemeine Strandhafer ist die Pflanze, die es von Landseite her am weitesten hin zum Meer geschafft hat. Bevor die Dünen unstet und ständig vom Meerwasser überspült werden, hält er es noch aus. Zwischen dem Strandhafer und den Dünen entsteht eine Symbiose, die gegenseitig stabilisiert, versorgt und am Leben erhält. Dabei leisten die Dünen gar nicht viel – ihr pflanzlicher Mitspieler hingegen muß tief wurzeln, kann dafür aber bei rechten Bedingungen 100 Jahre alt werden, ein gutes Menschenleben.

Durch dieses Gewächs kraucht Hannelore (Renate Krößner) zu Beginn von Vergiss dein Ende, dem Diplom- und zweiten Langfilm von Andreas Kannengießer, kraucht und keucht. Hannelore hat sich selbst entwurzelt und ist der Enge ihrer Berliner Existenz und vor allem der Pflege ihres an Demenz leidenden Mannes Klaus (Hermann Beyer) entflohen. Sie ist hierfür ihrem Nachbarn Günther (Dieter Mann) an die Küste gefolgt. Günthers Lebensgefährte ist gestorben, und von der Verantwortung befreit, plant Günther in seinem Ferienhaus an der Küste den Freitod. Hannelores Auftauchen durchkreuzt den Plan. Das Paar, beide mit dem Tod von Geliebten wie dem eigenen in verschiedenen Stadien konfrontiert, findet an der Grenze zwischen Land und See zueinander. Währenddessen ist Hannelores Sohn Heiko (Eugen Krößner) mit der Pflege seines Vaters im wahrsten Sinne heillos überfordert.

Demenz, Aufopferung, Krankenpflege, Alter, Tod – keine leichte Kost, die Vergiss dein Ende auftischt. Neben der unbestrittenen Relevanz des Themas rechtfertigt sich der Film zunächst durch das Drehbuch von Nico Woche, das ohne ein überflüssiges Wort stimmige Szenen kreiert und vor allem den Figuren seines überschaubaren Ensembles in absolut angemessener Weise gerecht wird. Wir verlieren niemanden aus den Augen oder werden mit Handlungen abspenstig – wobei der Tonfall von poetisch bis punktuell komisch reicht und somit eine ansprechende Lakonie entfaltet. Lediglich der etwas verschachtelte Anfang wirkt bemüht, aber schon löst sich die Vorgehensweise der Geschichte sinnvoll auf.

Hierzu kommt die Entscheidung des Regisseurs, im Kern eine Familie zu erzählen, die auch im wirklichen Leben eine ist… oder zumindest war: Die DEFA-Stars Renate Krößner und Hermann Beyer waren ein Paar, Eugen Krößner ist der gemeinsame Sohn. Für die Inszenierung Herausforderung wie Gewinn – mit schlafwandlerischer Sicherheit ergeben sich die Verhältnisse der Figuren, klar und tiefgehend.

Das mit einem Abschlußfilm meist einhergehende, überschaubare Produktionsbudget fällt kaum auf bzw. nicht ins Gewicht. Das Drama entfaltet sich hier an wenigen Spielorten und verläßt sich mit Recht auf die Figuren. Wenn es für die elaborierten Konflikte überhaupt eine schmerzfreie Lösung gibt, präsentiert Vergiss dein Ende diese in behutsamer Weise – was wir lernen können vom Gemeinen Strandhafer. 2011-09-16 16:29
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