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Colombiana

USA/F 2011. R: Olivier Megaton. B: Luc Besson, Robert Mark Kamen. K: Romain Lacourbas. S: Camille Delamarre. M: Nathaniel Méchaly. P: Europa Corp., TF1 Films Production, Grive Productions u.a. D: Zoe Saldana, Jordi Mollà, Cliff Curtis, Lennie James, Michael Vartan, Callum Blue, Amandla Stenberg, Beto Benites u.a.
108 Min. Universum ab 15.9.11

Frau schießt, Mann schläft

Von Nils Bothmann Eine Verabredung eines Paares, das die Genderrollen (oder vielleicht auch nur die Klischeevorstellung davon) auf den Kopf stellt: Er will reden, sie besser kennenlernen, mehr über ihre Vergangenheit beim Candlelight-Dinner mit Kerzenschein und Rotwein erfahren. Sie ist verschlossen und geheimnisvoll, reagiert ausweichend auf seine Fragen, möchte möglichst schnell zum Sex übergehen. Er ist Künstler, sie Killerin – was sie ihm natürlich verheimlicht. Mit dieser Umkehrung der klassischen Geschlechterverhältnisse folgt Colombiana dem Tenor vieler Filme über Profikillerinnen, darunter Tödliche Weihnachten und Nikita, und gleichzeitig ist dieser Subplot sicherlich auch die interessanteste Facette der neuesten Actionproduktion aus dem Hause Besson.

Colombiana wurde von dem erfahrenen 96 Hours-Duo Robert Mark Kamen und Luc Besson geschrieben, das jedoch eine der grundlegenden Qualitäten seines famosen 2008er Überraschungshits vergessen zu haben scheint: dessen Geradlinigkeit. Anstatt die Geschichte der rachsüchtigen Cataleya, die im Kindesalter die Ermordung ihrer Eltern durch einen Drogenbaron mit ansehen mußte, zur Profikillerin ausgebildet wurde und als Erwachsene mit den Schuldigen abrechnet, als temporeiche Vigilantenstory aufzuziehen, mäandert Colombiana in der Filmmitte zwischen verschiedenen Handlungssträngen hin und her. Besonderer Fokus liegt auf der detaillierten Darstellung von Cataleyas Tötungshandwerk, das ähnlich wie jüngst Simon Wests The Mechanic-Remake mit der Faszination des Killergewerbes zu punkten weiß, diese Akte jedoch nur unzureichend in den Mainplot eingliedert. Noch dazu werden die Hauptfieslinge nach der Anfangssequenz für lange Zeit aus dem Film entfernt, ehe sie kurz vor dem Showdown erst wieder Bedeutung erlangen. Selbst die aus gendertheoretischer Sicht interessante, oben erwähnte Liebesgeschichte zwischen Cataleya und ihrem unwissenden Freund ist für den eigentlichen Plot leider weitestgehend nutzlos.

Olivier Megaton, vom Drehbuch ähnlich unschön im Stich gelassen wie bei Transporter 3, erweist sich dabei als eigentlich fähiger Erfüllungsgehilfe im Dienste der Bessonschen Actionschmiede: Der Auftakt, der die Ermordung der Eltern und Cataleyas Flucht vor den Killern zeigt, ist ein dynamisch geschnittenes Vorzeigestück französischen Spektakelkinos, der Showdown ebenfalls gelungene Genreware, doch die Geschichte um und vor allen zwischen diesen beiden Punkten des Films weiß nur mäßig zu begeistern. Dabei stört es noch nicht einmal, daß der Film eine Art Quersumme des Bessonschen Filmeschaffens als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent ist: Die Geschichte übernimmt viele Elemente aus Bessons wegweisenden Killerdramen Nikita und Leon – Der Profi, Cataleya ist eine Verkörperung der starken, sexuell selbstbestimmten Leading Lady, ähnlich wie Nikita, die Bandidas-Cowgirls oder Leeloo aus Das fünfte Element, und bei der anfänglichen Fluchtsequenz dürfen auch Parkour-Einlagen nicht fehlen – ein Trendsport, zu dessen Popularität die Besson-Produktion Banlieue 13 nicht unerheblich beitrug. Es fehlen jedoch das Tempo und der Drive, der Hits wie The Transporter, 96 Hours oder From Paris with Love auszeichnete, die Versuche, dem Zuschauer das Wesen der Protagonistin näherzubringen, versanden, weshalb Colombiana zwischen dem famosen Auftakt und dem mehr als brauchbaren Finale leider ebenso uninteressant wie austauschbar bleibt. 2011-09-13 13:12
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