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Mein Stück vom Kuchen

Ma part du gâteau. F 2011. R,B: Cédric Klapisch. K: Christophe Beaucarne. S: Francine Sandberg. M: Loïc Dury, Christophe Minck. P: Ce Qui Me Meut, Move Movie. D: Karin Viard, Gilles Lellouche, Audrey Lamy, Jean-Pierre Martins, Zinedine Soualem, Raphaële Godin, Fred Ulysse, Kevin Bishop u.a.
109 Min. Kinowelt ab 15.9.11

Vive la France!

Von Jennifer Borrmann Es ist ein zutiefst französisches Thema: Eine Revolution, geboren aus gesellschaftlichen Mißständen, die die Parole der Französischen Revolution vehement in Erinnerung ruft: Liberté, Ègalité, Fraternité. Im Grunde haben sich die Herrschaftsverhältnisse – so könnte man ableiten – in den vergangenen 220 Jahren nicht maßgeblich verändert. Royale Herrscher und das Hofzeremoniell haben sich lediglich in Hedgefondsmanager und das Börsenparkett verwandelt.

Regisseur und Drehbuchautor Cédric Klapisch legt mit seinem neuen Film Mein Stück vom Kuchen eine kleine und wunderbare Revolutionstragikomödie vor. Thematisch eine kuriose Mischung aus der schwarzen Anarchokomödie Louise hires a Contract Killer und dem Traum vom Glücksgriff in Pretty Woman läßt der Film zwei Pole aufeinanderprallen. Der eine verkörpert die vor Tatsachen gestellte und aufbegehrende Arbeiterklasse, der andere den kapitalistischen Traum vom großen Geld und dem damit angeblich verbundenen Glück. Das Filmische, die Ästhetik und Stilistik sind – hier ausnahmsweise positiv zu bewerten – relativ unsichtbar. Es finden sich weder gewollt auffällige Mise-en-Scénes, noch rückt die Kameraarbeit Christophe Beaucarnes durch außergewöhnliche Einstellungen in den Vordergrund. Lediglich die zahlreichen Close-Ups sind auffällig, machen aber gleichzeitig deutlich, daß es in diesem Film um die Menschen und den Filminhalt geht und die Filmkunst dafür in diesem Fall nur Mittel ist.

Karin Viard (La Haine) spielt ihre France nicht, sie ist sie. Ihre Rolle als Identifikationsfigur ist ehrlich, witzig und mitreißend. 20 Jahre arbeitete die beliebte Kollegin in einer Fabrik in Dünkirchen, bis diese plötzlich schließt. Als alleinerziehende Mutter von drei Töchtern hat sie alle Hände voll zu tun. Trotzdem – und das ist ein großes Plus des Films – wird kein Sozialdrama der kämpfenden Mutter in den Mittelpunkt gestellt, sondern zeitkritisch geht es um die alte Frage nach der Unmenschlichkeit des Kapitalismus. France geht in der Hoffnung auf eine schnellere Stellenfindung nach Paris und wird als Haushälterin eines Börsenhais angestellt. Sie könnte in diesem Film Julia Roberts sein, die ihren Richard Gere sucht. In Wirklichkeit verkörpert die unterschätzte Fabrikarbeiterin aber eine Art Gallionsfigur der Arbeiterschaft »Sifranors«: die Starke, die Mutige, die Solidarische.

Steve (Gilles Lellouche) wiederum ist auf dem Börsenparkett und am Computer mit sechs Bildschirmen zuhause. Der Technokrat ist es gewohnt, in Hektik zu denken, zu entscheiden, zu handeln – und zwar in Zahlen. Er ist eine Art »Schreibtischtäter« im kapitalistischen System – jemand der faktisch emotionslos, jedoch fundamental in die Welt der Menschen eingreift und deren Realität bestimmt. Diese existiert für ihn nur in Form von Schemata, Analysen und Zahlencodes. Er macht trotzdem keinen gänzlich unsympathischen Eindruck, sieht gut aus, verhält sich im Gegensatz zu manch anderem komplett sozial entfremdeten Kollegen noch einigermaßen menschlich. Daß dieses Verhalten aber lediglich im Kontakt mit »Gleichgesinnten« gespielt wird, zeigt sich bereits in der ersten Begegnung mit France ganz deutlich. Steve weist dabei keinerlei soziale Fähigkeiten mehr auf, er würdigt sie keines Blickes, hält seine Augen auf die Bildschirme gerichtet, während er mit ihr spricht, reagiert nicht auf ihre Gestik und Mimik, er diktiert und kommandiert. Seine Wohnung spiegelt diese Lebenseinstellung wider: klare Linien, metallische Grautöne, keine überflüssigen Gegenstände, keine Farben.

Wenn man, im Kinosessel sitzend, Sätze von Steves Geschäftspartner hört wie »Schwarze und Behinderte finden immer überall Arbeit«, während dieser gerade von einer Immigrantin Amuse-Gueule gereicht bekommt, sieht man sich zu einer Entscheidung gezwungen: Entweder man bleibt im Dunkel des Kinos sitzen oder man geht raus und kämpft gegen solch rassistische Borniertheit. Auf der anderen Seite stehen hinter France die Arbeiter aus Dünkirchen. Sie propagieren das Kollektiv. Nur im Kollektiv ist man groß. Nur im Kollektiv ist man stark. Nur im Kollektiv hat man die Möglichkeit, gegen die herrschende Klasse anzukämpfen. Wenn es sein muß, mit Gewalt. Dem Zuschauer werden Bilder der Französischen Revolution ins Gedächtnis gerufen: der Sturm auf die Bastille der modernen Ökonomie.

Es kommt, wie es kommen muß: Nach anfänglicher Distanz und allerlei Mißverständnissen und Zusammenstößen wähnt man sich in einer einigermaßen sicheren Sympathie auf beiden Seiten. Aber der Zuschauer weiß nun mal, wie die Französische Revolution endet. Man kann den Film genüßlich als Appell oder Liebeserklärung lesen. Als Appell zur Solidarität, zu Menschlichkeit und Gleichheit. Als Liebeserklärung an die historisch gewordenen revolutionären Kräfte des Landes, die wieder geweckt werden müssen – vive la France! 2011-09-12 13:59
© 2012, Schnitt Online

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