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Über uns das All

D 2011. R,B: Jan Schomburg. K: Marc Comes. S: Bernd Euscher. M: Tobias Wagner. P: Pandora Film Produktion. D: Sandra Hüller, Georg Friedrich, Felix Knopp, Kathrin Wehlisch, Valerie Tscheplanowa, Stephan Grossmann, Aljoscha Stadelmann, Piet Fuchs, Martin Reinke, Verena Plangger, Julia Wieninger, Laura Sundermann, Clemens Dönicke, Anja Herden, Anja Laïs u.a.
88 Min. RealFiction ab 15.9.11

Hinter uns die Toten, vor uns das Leben

Von Carsten Happe Wann kennt man einen Menschen wirklich? Wann sind seine Geheimnisse keine dunklen Schatten mehr, wann wächst eine Beziehung derart fest und unantastbar zusammen, daß nichts und niemand sie ins Wanken bringen könnte?

Martha Sabel glaubt, dieses Glück gefunden zu haben. Die Ehe der jungen Englischlehrerin mit Paul, einem angehenden Mediziner, verläuft augenscheinlich harmonisch und beneidenswert. Seine Doktorarbeit sei zudem ein Meilenstein auf seinem Gebiet, so habe es ihm sein Professor bescheinigt. Die Zukunftsaussichten scheinen dementsprechend rosig, wenn nicht bereits diese gegenwärtige Idylle beinahe schon zu schön wäre, um wahr zu sein. Ein Jobangebot aus Marseille ermöglicht den ersehnten Karrieresprung, birgt aber auch die latente Gefahr der Veränderung. Paul fährt voraus, während Martha noch den Umzug und den Übergang in ein neues Leben in Südfrankreich regelt. Bis zwei Polizisten vor ihrer Tür stehen und die Nachricht von Pauls Selbstmord alles einstürzen läßt, was Marthas Leben bislang zusammenhielt. Die Doktorarbeit – ein Plagiat; sein Professor – hat ihn nie zuvor gesehen; sein gesamtes Leben – eine einzige Lüge.

Marthas Universum stürzt krachend zusammen, doch es begräbt sie keineswegs unter sich, und Über uns das All ist weder ein Film der Trauerarbeit, noch begnügt er sich mit einer – wenngleich auch durchaus spannenden – Spurensuche in das unbekannte Doppelleben Pauls. Sein Verschwinden, das sich nur sehr langsam als ein endgültiges in Marthas Vorstellung festsetzt, ist lediglich der Ausgangspunkt für einen Film, der sich einer klaren Genreeinordung entzieht und mit seinen unerwarteten Wendungen weitaus mehr erschafft als das kleine, faszinierende Mysterium, das er zunächst vorzugeben scheint.

Nach der ersten Phase der Weigerung, Pauls Tod zu realisieren und zu akzeptieren, trifft Martha bei der Suche nach Anhaltspunkten für das wahre Leben ihres Mannes auf den Geschichtsdozenten Alexander. Die Aussicht einer neuen Beziehung offenbart sich, einem ballastfreien Leben ohne ihre Vergangenheit möglicherweise, schließlich erzählt sie Alexander nichts von ihrer traumatischen Erfahrung. Als jedoch ein anonymer Finder sie von Pauls Handy aus anruft, drängen sich die mühsam verbannten Erinnerungen wieder mit voller Wucht in Marthas Leben. Und dann erhält Alexander auch noch ein Jobangebot in Marseille…

»Aus dem Reich der Toten« lautete seinerzeit der Untertitel von Vertigo, und auch wenn es vermessen scheint, Jan Schomburgs Debütfilm in einem Atemzug mit Alfred Hitchcocks unbestrittenem Meisterwerk zu nennen, birgt Über uns das All durchaus einige Momente, deren gedankliche Größe und Abgründigkeit ihn in die Umlaufbahn dieses Klassikers katapultieren – nicht zuletzt durch die unterschiedlichen Lesarten, die der Film obendrein offeriert. Und um die Hitchcock-Analogie noch ein wenig weiter zu strapazieren, wäre Über uns das All schier undenkbar ohne seine über alle Maßen faszinierende, blonde Hauptdarstellerin Sandra Hüller, die die Leinwand mit ihrer Präsenz, mit ihren Blicken und mit den kleinsten Gesten auszufüllen versteht wie kaum eine andere Schauspielerin im deutschen Gegenwartskino. Ihr Spiel erschafft eine Figur jenseits aller Klischees, der der Boden unter den Füßen weggerissen wird und die sich dennoch behauptet – auch wenn es bedeutet, die Realität ein Stück weit zu leugnen – und sich einem Neuanfang stellt, wie schmerzhaft er auch sein mag.

In der kompakten Komposition von Über uns das All ist jedes Bild von elementarer Bedeutung, jede Nuance eines Stimmungsumschwungs präzise platziert. Der Perspektivenwechsel in der Mitte des Films erweitert den anfänglich klassischen Suspense-Thriller um eine psychologische Dimension und auch Tiefe, die für ein Erstlingswerk weit mehr als nur beachtlich ist. Nicht allein unter den zahlreichen sehr sehenswerten deutschen Filmen der diesjährigen Berlinale, wo er in der Sektion Panorama fast ein wenig versteckt schien, ragt Über uns das All heraus, auch im gesamten Kinojahr ist das Debüt von Jan Schomburg einer der bemerkenswertesten wie auch vielversprechendsten Beiträge überhaupt. 2011-09-09 16:15

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