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Tournée

F/D 2010. R,B,D: Mathieu Amalric. B: Philippe Di Folco, Marcelo Novais Teles, Raphaëlle Valbrune. K: Christophe Beaucarne. S: Annette Dutertre. P: Les Films du Poisson. D: Miranda Colclasure, Suzanne Ramsey, Linda Marraccini, Julie Ann Muz, Angela de Lorenzo u.a.
111 Min. Farbfilm ab 8.9.11

Hahn im Korb

Von Michael Kienzl Tournée ist gewissermaßen ein authentischer Gegenentwurf zum Hollywood-Musical Burlesque. Mathieu Amalric widmet sich darin einer Gruppe amerikanischer New Burlesque-Tänzerinnen, die mit ihrem Tourmanager durch die französische Provinz zieht. Amalric versammelt hierfür ausschließlich Szenegrößen, die für ihre Choreographien, Kostüme und Songs selbst verantwortlich sind. Doch die Frauen sind hier nicht nur Autorinnen ihrer Darbietungen, sondern vertreten auch ein betont anderes, weniger diktatorisches Schönheitsideal als die Püppchen-Revue Burlesque. Statt Makellosigkeit gibt es kurvenreiche, von Tätowierungen und den Spuren des Älterwerdens gezeichnete Körper zu sehen.

In einigen Ausschnitten kann man sich vom subversiven und humoristischen Potential der Bühnenshows überzeugen. So gibt es etwa eine äußerst lustige pantomimische Darbietung des amerikanischen Kapitalismus. Die Nummern werden allerdings nie zur Hauptattraktion, sondern bleiben Randnotizen im Touralltag. Mit dementsprechendem Understatement sind sie dann auch inszeniert, entweder aus dem Publikum oder von der Hinterbühne in einzelnen Einstellungen und aus weiter Entfernung festgehalten.

Letztlich ist auch Amalric an keinem Film über New Burlesque oder zumindest seinen Vertreterinnen interessiert. Das ist in der Tat bedauerlich, weil man den Damen mit ihrer Energie und ihrem unerschütterlichem Humor gerne zusieht. Doch sie bilden nur den ästhetischen Rahmen für die Geschichte des von Amalric verkörperten Managers Joachim. Der ist jedoch nicht mehr als ein Klischee, ein abgehalfterter, kettenrauchender Rastloser, der es sich mit allen verscherzt hat. Mit einer gehörigen Portion Overacting verweist Amalric die nicht-professionellen, aber prinzipiell aufregenderen Darstellerinnen immer wieder in ihre Schranken. Augenblicke wie ein cholerischer Anfall im Zug bleiben selbstgefällige Demonstrationen der eigenen Kunst.

Im Gegensatz zur durchkonstruierten Hauptfigur entzieht sich die Handlung immer wieder einer linearen Dramaturgie. In seinen besten Momenten sorgt dieser ständige Richtungswechsel der Handlung für eine lockere Struktur, die auch seltsame, sich einer klassischen Erzählökonomie entziehende Szenen beinhaltet. Ein Flirt an einer Tankstelle ist nur dazu da, um die Möglichkeit einer Liebesgeschichte zu demonstrieren, die Sympathiebekundungen einer Supermarktkassiererin gleiten dagegen ins Groteske ab.

Obwohl diese mangelnde Bestimmtheit in der Form gelegentlich für spannende Momente sorgt, ist sie auch Zeugnis einer gestalterischen Unentschlossenheit. Warum gerade Amalric im letzten Jahr in Cannes für seinen Film den Preis für die beste Regie bekommen hat, ist schwer nachvollziehbar, denn Tournée leidet an den üblichen Krankheiten vieler Regieversuche von Schauspielern: Er beweist zweifellos ein gutes Gespür für publikumswirksame Darsteller, schafft es aber nicht die einzelnen Szenen zu einem überzeugenden Ganzen zu organisieren. 2011-09-05 11:05
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