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Baikonur

D 2011. R,B: Veit Helmer. B: Sergej Ashkenazy. K: Kolya Kano. S: Vincent Assmann. M: Goran Bregovic. P: Veit Helmer-Filmproduktion. D: Aleksandr Asochakov, Marie de Villepin, Sitora Farmonova, Erbulat Toguzakov.
95 Min. X Verleih ab 1.9.11

Spacedornröschen

Von Benedikt Schulte Eigentlich brauchte sich Veit Helmer nicht mehr viel ausdenken: Ein Touristenticket ins All kostet tatsächlich 20 Millionen Dollar, es wird von der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos angeboten, und die Flüge starten vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur aus, von dem, seit Juri Gagarin, alle Kosmonauten abgeschossen werden. Und ja, die Steppenbewohner treiben Handel mit den Überresten der abgestürzten Raketenteile und pimpen damit ihre Jurten. Darüber hat Christian Frei bereits den Dokumentarfilm Space Tourists gedreht.

In dieser Welt, in der bukolische Archaik auf technoiden Fortschrittsoptimismus trifft, hat Veit Helmer das überaus charmante Märchen Baikonur inszeniert. Der kasachische Dorfjunge Iskander (Alexander Asochakov) träumt vom Weltraum, weshalb er von seiner Sippe halb spöttisch Gagarin genannt wird. In seinem Zelt hat er sich ein Kontrollzentrum zusammengelötet, das direkt vom kosmonautischen Wertstoffhof MIR stammen könnte, und mit dem er den Funkverkehr der Raketenstarts vom nahegelegenen Weltraumbahnhof abhört. Die Dorfbewohner handeln mit den abgestürzten Raketenstufen, die in der Steppe niedergehen. Nach erfolgtem Start liefern sich die benachbarten Clans mit Pferden, Karren und schrottreifen Lastern ein Wettrennen um die begehrten Ressourcen – Pferdestärken gegen Raketenantrieb.

Was man findet, darf man behalten, sagt das Gesetz der Steppe. Gilt das auch für die überirdisch schöne französische Weltraumtouristin Julie (Marie Villepin), die Gagarin eines Tages vom Steppenboden aufliest? Nach ihrer unsanften Rückkehr in einer Raumkapsel liegt sie im Koma, und Gagarin versteckt sie in seiner Jurte. Mit einem Dornröschenkuß weckt er sie auf. Da sie ihr Gedächtnis verloren hat und nicht glauben kann, daß sie eine Weltraumtouristin ist, behauptet Gagarin schließlich, sie sei sein Koketaj, seine Verlobte. Irgendwann fliegt der Schwindel auf, aus Gagarin muß wieder Iskander werden, und Julie kehrt zurück in ihre Welt. There’s no place like home, und auch diesem Märchen ist eine gewisse restaurative Haltung eigen, führt doch die Reise des Helden über die Hybris wieder zurück auf Los, wo seine eigentliche Liebe schon auf ihn wartet.

Diese Reise ist, wie schon Helmers Lysistrata-Variation Absurdistan, mit einer an Emir Kusturica erinnernden Komik inszeniert, die von der Musik Goran Bregovics unterstützt wird. Das Tempo der Burleske kontrastiert hier mit der zur Epik einladende Landschaft Kasachstans. Ein stilistischer Konflikt, in dem sich Baikonur nicht so recht für eine Seite entscheiden mag. So gerät der Film rhythmisch zwar etwas holprig, doch die starke Grundidee und seltene, teils dokumentarische Bilder des Weltraumbahnhofs retten Baikonur über die gut neunzig unterhaltsamen Minuten. 2011-09-02 19:14
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