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Giulia geht abends nie aus

I 2009. R,B: Giuseppe Piccioni. B: Federica Pontremoli. K: Luca Bigazzi. S: Esmeralda Calabria. M: Baustelle. D: Valerio Mastandrea, Valeria Golino, Sonia Bergamasco, Piera Degli Esposti, Antonia Liskova, Jacopo Maria Bicocchi, Fabio Camilli u.a.
105 Min. Cine Global ab 1.9.11

Emotion und Technik

Von Lena Serov Giulia geht abends nie aus – eine Geschichte über die Begegnung eines Inspiration suchenden, aufstrebenden Schriftstellers mit einer sich nach Erlösung sehnenden Femme fatale – erzählt dieses Drama vordergründig mit zwei filmischen Techniken: der Großaufnahme bzw. Naheinstellung und dem Kameraschwenk. Die eine erzählt über Emotionen und ist eine konventionalisierte Form der Involvierung des Zuschauers durch Empathie. Die zweite nähert sich, anders als der Zoom oder die Heranfahrt nicht den Figuren, sondern umfährt sie und wahrt sie auf Distanz. Das korrespondiert gut mit der Geschichte, denn zentral für den Film ist Giulias Geheimnis und dessen fataler Abgrund, wodurch sich die Helden auf einem schmalen Grat zwischen Annäherung und Unnahbarkeit, zwischen Behutsamkeit und Hingabe bewegen.

Die Szenen, in denen sich diese Techniken verdichten, folgen einem einheitlichen Metrum – als kurze, in sich geschlossene Fragmente in der Chronik einer unmöglichen Liaison –, und so erhält der Film seinen staccatohaften Rhythmus, und schafft es, diese Fragmente zu einem Ganzen zusammenzufügen. Man kann die Reduktion der filmischen Ausdruckstechniken für einfallslos halten, oder aber auch Purismus nennen. Allerdings hintergeht der Film diesen, indem er sich anschickt, die literarischen Helden des Schriftsteller-Protagonisten in Form eines Films im Film auftreten zu lassen. Und überhaupt wird die zaghaft erzählte Annäherung von Giulia und Guido erdrückt durch die tautologische Farbgebung analog zur dramatischen Wirkung.

Das Drama lebt von glaubwürdigen Emotionen und ebenso glaubwürdigen Charakteren. Und es scheint ein anthropologisches Merkmal des Kinos – zumindest des »narrativen« Kinos – zu sein, daß sich Emotionen nur über die affektiven Ausdrücke der Darstellergesichter, in Großaufnahme gezeigt, vermitteln lassen. Dies gelingt dem Film gut und die Darstellerperformance in der Liaison mit der Kamera ist solide. Aber die spannendere Frage des Kinos wäre vielleicht: Ist diese anthropologische Annahme unhintergehbar? 2011-08-26 18:54

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #63.
© 2012, Schnitt Online

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