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Cairo Time

CDN/IRL/ET 2009. R,B: Ruba Nadda. K: Luc Montpellier. S: Teresa Hannigan. M: Niall Byrne. P: Foundry Films, Samson Films, The Harold Greenberg Fund. D: Patricia Clarkson, Alexander Siddig, Elena Anaya, Tom McCamus, Amina Annabi, Andrew Cullen, Mona Hala, Cynthia Amsden u.a.
88 Min. Alamode ab 1.9.11

Unpolitisch-politisch

Von Frederik König Der aufmerksame Bürger hat in diesem Frühsommer durch die vielen Bilder der ägyptischen Revolution einen ganz neuen und noch sehr frischen Eindruck vom Land und von der Hauptstadt Kairo als Herz der demokratischen Offensive im Mittleren Osten bekommen. Cairo Time von Ruba Nadda wirkt im Kontext des aktuellen ägyptischen Zeitgeschehens, der wilden Bilderflut lokaler Berichterstattung und ersten filmischen Auseinandersetzungen etwas fehl am Platz. Dabei könnte dieser Film gerade wegen seiner oberflächlich-unpolitischen Ästhetik, Erzählweise und seines Inhalts wichtig für ein Land wie Ägypten sein, das nach dem Bruch mit der alten Zeit nun wieder Stabilität und Ruhe braucht, um sich neu zu strukturieren.

Cairo Time handelt von der Frau eines reichen UN-Botschafters, die auf ihren Mann in Kairo wartet, während dieser anderswo im Nahen Osten festhängt. Um sich die Zeit zu vertreiben, läßt sich die Botschaftergattin vom Assistenten ihres Mannes durch Kairo führen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die beiden mehr als zweideutige Blicke und Gesten austauschen, die ein offensichtliches und nur allzu bekanntes Drama heraufbeschwören. Nicht nur der Plot von Cairo Time erinnert sofort an Filme wie Lost in Translation von Sofia Coppola. Auch seine Art, das Publikum mit den Augen einer westlich geprägten Frau die Exotik des Orients entdecken zu lassen ist im Ansatz mit der filmischen Reise verwandt, auf die der Zuschauer in Sofia Coppolas Film geschickt wurde. Leider kommt Cairo Time jedoch weder in ästhetischer noch erzählerischer Hinsicht dessen Anspruch und Tiefgang nahe.

Während Lost in Translation nicht nur oberflächliche Exotik, sondern das Gefühl der Fremdheit gegenüber einer anderen Kultur sowie ihrer Mentalität erzeugte und den Zuschauer nachempfinden ließ, verliert sich Cairo Time in platten Klischees. Verhüllte Frauen, Bauchtänzerinnen, Kamelritte, Beduine und Bootsfahrten auf dem Nil müssen herhalten, um zu verwischen, was die Regisseurin und Autorin des Films bei ihrer Recherche im Vorfeld offensichtlich vergessen hat: das wirkliche Leben. Präsentiert wird die vor Kitsch triefende Geschichte in großen kinofreundlichen Tableaus, die aussehen wie aus einem Hochglanztouristenführer. Die Slums, das Elend und der Dreck werden ebenso wie die interessanten Ecken und Kanten der Figuren sorgsam ausgespart. Alle Sehenswürdigkeiten Kairos sind im Hintergrund in Szene gesetzt, während sich im Vordergrund die beiden Hauptdarsteller Patricia Clarkson und Alexander Siddig im Kreis jagen. Ein Grundkonflikt wird zwar angedeutet, verpufft jedoch zum Schluß einfach, so daß nicht einmal das eingangs erwartete Drama stattfindet.

Nach all ihren langweilig-kitschigen Spaziergängen durch die Attraktionen Kairos stoßen die beiden Hauptfiguren zuletzt auf die Pyramiden, die menschenleer in der Wüste liegen. Das Postkartentableau dieses ägyptischen Rosamunde-Pilcher-Verschnitts fordert, daß fern aller Realität kein einziger Tourist oder Reisebus weit und breit zu sehen ist. An dieser Stelle kommt der Film jedoch unfreiwillig wieder in der Wirklichkeit an und zeigt, warum er trotzdem ein Politikum ist: Nach der Revolution und dem Sturz Mubaraks in diesem Jahr waren die Pyramiden genauso verlassen. Kein Tourist wollte mehr in das krisengeschüttelte Land reisen. Filme wie Cairo Time können aufgrund ihrer hochpolierten Oberflächlichkeit und aller Ausblendung der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage vielleicht wenigstens dazu führen, daß die Touristen zurückkommen. Durch sie wird dem freien Ägypten ermöglicht, die dringend benötigten finanziellen Mittel zu erwirtschaften, um sich wieder zu stabilisieren. Dieses Paradoxon macht deutlich, daß selbst eindimensionale Massenprodukte wie Cairo Time eine politische Funktion haben: Sie sorgen dafür, daß mündige Bürger von Mißständen in ihrem Umfeld und der Gesellschaft abgelenkt werden. Man muß solche filmischen »Opiate« allerdings sorgsam dosieren, weil sonst neben Stabilität auch Verblendung aufzieht und die Menschen weiter in ihren gesellschaftlich-repressiven Zuständen verharren. Somit bleibt abzuwarten, ob sich in Ägypten ein politisches und kritisches Kino im Mainstream durchsetzen kann oder ob es bald wieder nur noch Cairo Time heißt. 2011-08-26 16:44

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