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How I Ended This Summer

Kak ya provel etim letom. RUS 2010. R,B: Aleksej Popogrebskij. K: Pawel Kostomarow. S: Iwan Lebedew. M: Dmitri Katkhanow. P: Koktebel Film Company, TV Channel Russia. D: Grigori Dobrigin, Sergej Puskepalis.
130 Min. Fugu ab 1.9.11

Zwei Männer am Meer

Von Andreas Strasser Es gibt ein Bild von Caspar David Friedrich, das »Der Mönch am Meer« heißt. Ein Frater ist darauf dargestellt, der mutterseelenallein auf einem kahlen Landvorsprung steht. Vor ihm liegen ein trostloses Meer und ein schier endloser Himmel. In drastischer Weise erzählt das Bild von der Verlorenheit des Menschen in der Natur, von seiner Unbehaustheit in der Welt.

Mit ähnlich düsteren Naturdarstellungen wartet zunächst auch Aleksej Popogrebskijs How I Ended This Summer auf: grenzenlose Gestaden, nebelverhangene Klippen, ewiges Eis. Und inmitten dieser unwirtlichen Meerlandschaft: ein Zweipersonenstück. Auf einer einsamen Insel im arktischen Meer sucht Student Pavel nach einem kleinen Abenteuer und meldet sich für ein Praktikum auf einer Wetterstation. Dort lebt der vierschrötige Meteorologe Sergej, der nach arbeitsamen Jahren auf das Schiff wartet, das ihn endlich nachhause zu seiner Familie bringen soll. Praktikant Pavel ist hingegen alles andere als ein Abenteurer. Und weil ihn das Forscherleben mit seinen rigiden Aufgaben langweilt, verbringt er seine Zeit mit Computerspielen. Sergej tadelt ihn als Taugenichts, als Touristen, der hier nichts verloren hat. So ist der Konflikt zwischen den beiden ungleichen Männern bereits vorprogrammiert.

Doch der Film ist keine klassische Aventiure, sondern entwickelt sich schrittweise zum Psychothriller: Über die scheinbar heile Inselwelt bricht plötzlich die Katastrophe herein. Pavel fängt einen Funkspruch auf, in dem der Tod von Sergejs Familie durchgegeben wird. Er verheimlicht dem Kollegen jedoch die furchtbare Nachricht. Diese Entscheidung hat dann ein schlimmes Nachspiel.

Viele Filmemacher schicken sich dieser Tage an, den Olymp des großen Andrej Tarkowskij zu erklimmen, dessen Filmkunst vor allem durch seine Bildmotive charakterisiert war. Im Falle des Russen Popogrebskij bemühte den Vergleich zwischen Altmeister und Aspirant indes die internationale Kritik: Sein Film variiere Tarkowskijs Grundsatz, daß das originär Filmische keiner Sprache bedarf, auf grandiose Weise. Die Bildgestaltung mache Ungreifbares sichtbar (Kameramann Pavel Kostomarov erhielt den Silbernen Bären für seine Arbeit). Und der Duktus offener Kadragen und plastischer Naturdarstellungen, der großzügige Umgang mit Zeit und Raum, werden von jeher auch im Exil- und Diasporakino angewandt, um Gefühle der Sehnsucht, Heimat und Verlorenheit zu verarbeiten. Aus Landschaften werden derweise Seelenlandschaften.

How I Ended This Summer gelingt es dabei, die Verlorenheit und Einsamkeit zweier Menschen in einer grandiosen, aber gleichgültigen Natur zu thematisieren. Man fragt sich: Welche Bedeutung hat darin noch die Conditio humana? Sergej hofft darauf, daß ihn die Liebe (das Schiff, das ihn heimbringt) aus dieser Einsamkeit erlösen wird. Die schwere Entscheidung, die er am Ende des Films treffen muß, bringt diese unheilvolle Geschichte zu einem konsequenten Ende und schlägt dabei bezeichnenderweise in die gleiche Kerbe wie Friedrichs »Mönch«. 2011-08-25 14:37

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