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Lollipop Monster

D 2011. R,B: Ziska Riemann. B: Luci van Org. K: Hannes Hubach. S: Dirk Grau. M: Ingo Frenzel. P: Network Movie Köln. D: Sarah Horváth, Jella Haase, Sandra Borgmann, Janusz Kocaj, Rainer Sellien, Nicolette Krebitz, Thomas Wodianka, Fritz Hammel, Murali Perumal u.a.
90 Min. Salzgeber ab 25.8.11

Wut und Tier

Von Edda Bauer Man stelle sich vor: Pippi Langstrumpf kommt in die Pubertät, tauscht ihr Äffchen gegen eine depressive Freundin ein und entdeckt für sich die mannigfachen Spielarten des Sex, darunter der erste, der schnelle, der lesbische und der verbotene. Ungefähr so sieht er aus, der kreischbunte, deutsche Gegenentwurf zur amerikanischen Teeniekomödie, Lollipop Monster. Hinter den Kulissen hat man sich für die Umsetzung mächtig ins Zeug gelegt. Die Kostümabteilung wartet mit einem Best of 70s, 80s, Prinzessin Lillifee und Beate Uhse auf. Die Ausstattung darf sich bei der Verwandlung vom Kinder- zum Schlampenzimmer austoben. Die Location Scouts strömen aus, um möglichst triste Schulhöfe, Hauseingänge und Betonruinen zu finden. Die Musik bastelt eine Ethno-Dance- Workshop-Version von Rammstein zusammen und nennt es »Tier«. Das Castingbüro sucht zwei Backfische, die sich unterschieden wie Tag und Nacht und findet sie in der dunkel herben Sarah Horváth und der lieblich blonden Jella Haase. Das Kamerateam hat dafür zwei Lichtkonzepte, schrill und Moll.

Das ist zweifellos der richtige Rahmen für die Jugenderinnerungen von Autorin, Regisseurin und Comiczeichnerin Ziska Riemann und Co-Autorin, Schaupielerin und ehemaligem Popsternchen Lucie van Org. Skurril, absurd, wild und rebellisch sind die Situationen, die Szenen vollgestopft mit Plot. Ari leidet unter ihrer Heile- Welt-Familie. Oona sprengt das düster-kalte Künstlerdasein ihrer Eltern, als sie ihrem Vater steckt, daß die Mutter eine Affäre mit seinem Bruder hat. Am nächsten Tag findet man den Vater erhängt am Baum auf dem Schulhof und die beiden ungleichen Mädchen schließen Freundschaft. Ihre Gemeinsamkeiten sind die Wut und »Tier«. Ansonsten ritzt sich Oona die Unterarme auf, während Ari ziemlich wahllos sexuelle Erfahrungen sammelt, darunter auch mit Oonas Onkel.

Das alles sieht prima und hip aus, hat den erotischen Charme von Nabokovs »Lolita«, aber überhaupt keine nachvollziehbare Motivation. Sicher, mit »Pubertät« läßt sich mancher Wahnsinn erklären, oder auch mit Lucilectrics Ohrwurm aus dem Jahr 1994 »Weil ich ein Meeedchen bin…« 2011-08-22 13:54

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #63.
© 2012, Schnitt Online

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