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Fliegende Fische müssen ins Meer

CH/D 2011. R,B: Güzin Kar. K: Benjamin Dernbecher. S: Benjamin Fueter. M: Fabian Römer. P: Vega Film AG , Neue Bioskop Film Produktions & Vertriebs GmbH. D: Meret Becker, Elisa Schlott, Barnaby Metschurat, Hanspeter Müller-Drossaart, Mona Petri, Lilian Naef u.a.
84 Min. Movienet ab 25.8.11

Mutter, Tochter und Eduardo

Von Gerrit Booms Es ist eines der schönsten und zugleich schwierigsten Filmmotive: Das Kind, das sich besser im Leben zurechtfindet, als seine eigene Mutter. Gelingt es, vermittelt es ein Gefühl der Leichtigkeit und Sinnhaftigkeit des Lebens. Scheitert es, wirken Linearität und Figurenzeichnung schnell kitschig und naiv. Auf diesem schmalen Grat bewegt sich auch Fliegende Fische müssen ins Meer. Die 15jährige Nana (Elisa Schlott erinnert im besten Sinne an die junge Johansson) erfüllt hier das Motiv des überblickenden Kindes, das mit zunächst schmunzelnder Sorge beobachtet, wie seine spleenige Mutter Roberta (Meret Becker zeigt sich in Bestform) von Liebeskummer zu Liebeskummer taumelt und darüber ihre drei recht unterschiedlichen Kinder vernachlässigt. Nana versorgt die Judoka Tatjana und den Hobby-Hypochonder Toto und hält damit die Familie zusammen. Ihre eigenen Pläne und Träume, die die junge Schleusenwärterin zwangsläufig mit dem Wasser verbindet, drohen dabei auf der Strecke zu bleiben. Doch dann kommen das Jugendamt und der neue Dorfarzt Eduardo (Barnaby Metschurat überzeugt als liebenswerter Fachidiot). Der »ist nett, kann reden und fast kochen. Mehr kann man von einem Mann nicht erwarten«, sagt Tatjana. Und so soll er seinen Einfluß von außen geltend machen. Leider bleibt Roberta dieser Medikation gegenüber zunächst resistent. Erst als Nana selbst sich in Eduardo zu verlieben droht, kapiert Roberta etwas über das Leben und die Verantwortung, die man ihm gegenüber zu tragen hat.

Autorin und Regisseurin Güzin Kar spinnt eine überschaubare, aber lebensnahe Familiengeschichte, die sie mit verspielten Regieideen und unmißverständlichen Bildern anreichert. Fast märchenhaft kommt dieser kleine Kosmos des Chaos daher, in dem Schwüre auf BHs geleistet werden – auf teure! –, der tratschende Weiberchor die immergleichen grellen Kostüme trägt und sich niemand wundert, daß ein Fünfjähriger zum Einschlafen aus dem Lexikon der welttödlichsten Krankheiten vorgelesen bekommen möchte. Unsere Welt könnte so einfach sein, wären wir nur alle Kinder. So überrascht es nicht, daß sich hier jeder zu rechtfertigen versucht. Die farbenfrohe Bildgestaltung unterstreicht diese Perspektive und läßt jeden Erwachsenen entweder merkwürdig eingepreßt oder ebenso merkwürdig entwachsen aussehen. Es sind diese Skurrilitäten, die den Film tragen, ihn sehenswert, aber auch eigen machen; eine Eigenheit, die hier nur positiv gemeint ist, weil sie sich des anfangs erwähnten schmalen Grates bewußt ist. Das einzige Manko: Viele Szenen, respektive Schauspieler mußten nachsynchronisiert werden, was zu großen qualitativen Sprüngen führt. Der Kern scheint aber stets durch: Ein herzliches Werk, das jene Leichtigkeit und Sinnhaftigkeit des Lebens vermittelt. »Jeder hat Probleme«; diese der Verdrängung dienende Volksweisheit in Robertas Mund hat durchaus ihren wahren Kern, denn: Es geht immer darum, wie man mit ihnen umzugehen weiß. »Fliegende Fische müssen ins Meer«. 2011-08-22 12:46

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