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Sommer in Orange

D 2011. R: Marcus H. Rosenmüller. B: Ursula Gruber. K: Stefan Biebl. S: Georg Söring. M: Gerd Baumann. P: Bayerischer Rundfunk, Odeon Pictures, Roxy Film. D: Amber Bongard, Petra Schmidt-Schaller, Bela Baumann, Georg Friedrich, Wiebke Puls, Daniel Zillmann u.a.
110 Min. Majestic ab 18.8.11

Im Irgendwo-Dazwischen

Von Heiko Martens Der Begründer der Neo-Sannyas-Bewegung betrieb Namenswechsel wie ein Doppelagent. Geboren als Chandra Mohan Jain, nannte er sich zunächst Acharya Rajneesh. Ende der 80er Jahre starb er als Osho. Dazwischen hieß er Bhagwan Shree Rajneesh. In dieser Zeit, im Jahr 1980, spielt Sommer in Orange.

Doch Namen sind Schall und Rauch. Ein derart schludriger Umgang mit dem Namensattribut ist wohl nicht als Ausdruck einer dissoziativen Identitätsstörung zu verstehen. Auch die Wahrnehmung der Filmfiguren ist mehrheitlich ungetrübt – sowohl bei den aus Berlin in die bayrische Provinz reisenden Bhagwan-Jüngern als auch bei den heimelig bleiernen Dörflern, die in den Neuankömmlingen wahlweise RAF-Terroristen oder Teufelsanbeter erblicken.

Wäre da nicht die zehnjährige Lili. Sie leidet als einzige unter dem Zusammenprall beider Kulturen, zerrissen zwischen dem Anspruchsgehabe ihrer Mutter und dem dörflichen Spießertum. So dreht sich die Geschichte um Lili – leider nicht ausschließlich.

Sommer in Orange versucht einen gewagten Spagat. Einerseits wird aus Sicht der Kinder erzählt, die mitunter reifer wirken als die Erwachsenen. Trotzdem entfaltet der Film hier seine Stärken, getragen vor allem von Amber Bongard, die Lili irgendwo zwischen bockigem Hippiekind und streberhaftem Dirndl setzt. In diesem Kontext funktionieren auch die Erwachsenen, denn die haben aus Kindersicht sowieso einen an der Waffel.

Auf der anderen Seite verliert der Film seine Hauptfigur aber immer wieder aus den Augen und erzählt fast ebenbürtig die erwachsenen Mitglieder der Kommune. Hier mag der Funke nicht überspringen. Das liegt vor allem am mangelnden Ernst, mit dem die Figuren auftreten und der wohl Basis der Komödie sein soll. Aber sowohl die Bhagwan-Kommune als auch die bürgerliche Gegenseite sind nur schablonenhafte Farce, siechende Sätze daherredend, die nicht nur deshalb altbacken wirken, weil sie in der Vergangenheit spielen. Damit verschenkt der Film die wesentlichen Punkte. Man lacht über die Figuren, nicht mit ihnen.

Marcus H. Rosenmüller hat mit Wer früher stirbt, ist länger tot gezeigt, daß er aus der Perspektive eines Kindes erzählen und fühlen kann. Das gelingt hier nur zur Hälfte. Wann immer sich das Buch, immerhin ausgestattet mit dem Obolus der rückblickenden Weisheit, den Erwachsenen zuwendet, wird einem unwohl, weil man spürt, wie sich die Perspektive über die Figuren erhebt – unnötigerweise, denn offene Türen muß man nicht mehr einrennen. Das ist um so bedauerlicher, da die Autorin Ursula Gruber hier Autobiographisches berichtet. Aber wer weiß, wer hier noch alles miterzählt hat. Obwohl eine Kinoauswertung vorgesehen ist, hat ein gefühltes Dutzend TV-Redakteure mitgewirkt. Da zerfasert wohl auch die letzte Stringenz, wodurch es Sommer in Orange auch erst im dritten oder vierten Versuch gelingt, die Geschichten des Films einem Ende zuzuführen. Und wie es sich für einen Konflikt beschriebener Couleur gehört – die Lösung liegt irgendwo dazwischen. 2011-08-12 13:08

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