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Die Einsamkeit der Primzahlen

La solitudine dei numeri primi. I/D/F 2010. R,B: Saverio Costanzo. B: Paolo Giordano. K: Fabio Cianchetti. S: Francesca Calvelli. M: Mike Patton. P: Bavaria Pictures, Offside srl, Les Films des Tournelles. D: Alba Rohrwacher, Luca Marinelli, Isabella Rossellini, Martina Albano u.a.
119 Min. NFP ab 11.8.11

Unschneidbarkeit der Parallelen

Von Sven Lohmann Mit seinem Roman »Die Einsamkeit der Primzahlen« ist Paolo Giordano ein überwältigender Erfolg gelungen: Gleich das Erstlingswerk des jungen Physikdoktoranden wurde 2008 in Italien – als Jahresbestseller – eineinhalb Millionen mal verkauft, erhielt den bedeutenden Literaturpreis Premio Strega und war kurz darauf auch im Ausland recht erfolgreich. Eine Verfilmung war damit schon geradezu unausbleiblich, und um sich böse Überraschungen ersparen zu können, behielt Giordano sich vor, auch am Drehbuch mitzuwirken. Regie führte dann Saviero Costanzo, der sich bereits in Locarno (Leopard für seinen Film Private) und auf der Berlinale einen Namen gemacht hatte. Die Einsamkeit der Primzahlen wurde schließlich auf dem Filmfestival in Venedig gezeigt und war danach in den italienischen Kinos leidlich erfolgreich.

Primzahlzwillinge nennt man zwei Primzahlen, die nur einen Zweierschritt auseinanderliegen und so ein »Pärchen« bilden (wie etwa 5 und 7) – aber eben doch durch die gerade Zahl dazwischen zwangsläufig getrennt sind. Die Primzahlzwillinge sind bei Giordano eine Metapher für seine beiden Hauptfiguren, Alice und Mattia: Was sie einander ähnlich macht, sind einschneidende Momente ihrer Kindheit, die nun ihr ganzes Leben überschatten und sie zu Außenseitern machen. Alice hinkt und giert nach sozialem Ansehen, seit sie, von ihrem ehrgeizigen Vater zum Skifahren gedrängt, gestürzt ist; der hochintelligente Mattia ist geradezu autistisch verschlossen und leidet an autoaggressivem Verhalten, seit er fahrlässig das »Verschwinden« seiner zurückgebliebenen Zwillingsschwester zu verantworten hat. Was sie dann doch voneinander trennt, obwohl sie über lange Jahre befreundet sind, das versucht die Handlung der Geschichte zu verstehen. Die Einsamkeit der Primzahlen ist formal ein Puzzlespiel aus diesen zwei Strängen, den beiden Leben von Alice und Mattia, die nie wirklich zusammenlaufen. Diese wiederum erzählt der Film nicht etwa linear, sondern gewissermaßen flächig: Assoziativ montiert er Szenen aneinander aus den Kindheiten, den Jugendjahren, in denen die beiden sich in der Schule kennenlernen, und ihrem frühen Erwachsenenalter – in mitunter exzessiven Parallelmontagen.

Auf der Habenseite kann Die Einsamkeit der Primzahlen eine ausgesprochene Lust an der visuellen Gestaltung verbuchen: Die Kamera findet ausdrucksstarke Bilder, spielt mit Unschärfe und Farbe, und wenn Alice sich am Schluß verstörende Psychotrips fährt, dann ist dieser Film für ein paar Momente schon großes Kino. Die überschwengliche Freude an den Zeitsprüngen hingegen mag geistig noch zu verkraften sein, stört aber letztendlich, wenn sie ins Prätentiöse umschlägt: Der ganze Film wird dadurch – unnötig – kleinteilig und schlecht konsumierbar. Hätten überhaupt die Figuren mehr Leben! Leider tun gerade die hölzernen Dialoge ihnen dabei Abbruch. Der ganze Film wirkt so nun handwerklich insgesamt gekonnt und ausdrücklich künstlerisch ambitioniert, dabei aber vor lauter Willen zur Befremdlichkeit öfters seltsam steril und blutleer. 2011-08-09 09:37

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